Medien : „Es kam alles zusammen“

Die „FAZ“-Sonntagszeitung hat ein turbulentes erstes Jahr hinter sich

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Das Foto auf Seite eins der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zeigt nur nackte Füße. Da hat sich jemand in aller Seelenruhe in den Sessel gelümmelt und legt die Beine hoch. Das Foto illustrierte gestern einen Artikel, in dem sich die Zeitung selbst zum Geburtstag gratulierte. Ein Jahr ist es her, dass die „FAZ“ die hochdefizitäre regionale „Rhein-Main-Zeitung“ einstellte, um sich im Gegenzug eine bundesweite Sonntagszeitung zuzulegen.

Damals erschien alles noch relativ leicht. Die traditionelle „FAZ“ versuchte, mit der Sonntagszeitung einen neuen Weg des Blattmachens auszuprobieren. Leichter, unterhaltsamer sollte das Blatt sein. Das, dachte man, sei der beste Weg, aus der Branchenkrise gestärkt hervorzugehen. Ganz bewusst wagt die Sonntagszeitung immer wieder neue inhaltliche Zugänge und ungewöhnliche optische Auftritte (etwa zum WM-Finale oder am Wahlsonntag). Manchmal zieht dennoch schon jetzt Routine ein. Dieter Eckart, derzeit Sprecher des Herausgebergremiums, sagt, man müsse immer wieder darauf achten, dass sich die Sonntagszeitung nicht der werktäglichen „FAZ“ anpasse. Dazu neige sie, etwa in der Auswahl der Bilder. Immerhin – nach einem Jahr hat die Zeitung bewiesen, dass es einen Markt für sie gibt: 268 000 Exemplare verkauft sie. Und sie konnte neue, nationale Anzeigenkunden gewinnen. Wenn die Konjunktur wieder anzieht, müsste das Blatt ganz gut dastehen, sagen sich die Redakteure. Sie sind froh, aus Frankfurt „Rückendeckung“ zu bekommen. Neben der „FAZ“ zählt die Sonntagszeitung zum Kerngeschäft. Alle anderen Aktivitäten der FAZ-Gruppe müssen dagegen befürchten, eingestellt oder verkauft zu werden. In diesem ersten Jahr, in dem es die Sonntagszeitung gibt, ist in der FAZ-Gruppe viel passiert. Noch im Sommer 2001 lieferten sich „Süddeutsche“ und „FAZ“ eine Abwerbeschlacht um Feuilleton-Journalisten. Für die Sonntagszeitung stellte sie mehr als vier Dutzend Journalisten ein.

Im November war es dann nicht mehr zu verbergen: Die Krise, deren Ende nicht absehbar ist, hatte die FAZ-Gruppe schwer getroffen. Am 13. November teilte Herausgeber Frank Schirrmacher mit, dass Redakteure künftig nicht mehr vom ersten Arbeitstag an einen Dienstwagen bekommen werden. Bei Reisen werde gespart, das Honorarbudget um ein Drittel gekürzt, der Seitenumfang reduziert, die Tiefdruckbeilage „Bilder und Zeiten“ eingestellt. Das Anzeigenblatt „Sunny“ gibt es mittlerweile auch nicht mehr, die Internetaktivitäten wurden reduziert, alle Beteiligungen jenseits des Kerngeschäfts stehen auf der Kippe. Erstmals in ihrer Geschichte schreibt die FAZ-Gruppe rote Zahlen. Das größte Aufsehen gab es allerdings beim Aus der „Berliner Seiten“ und der Entlassungswelle, die auch die Redaktion betraf. Und dann kam auch noch das Hin und Her mit dem Feuilleton: Erst kündigte Schirrmacher an, es ziehe nach Berlin, wenige Tage später zog er die Ankündigung zurück.

Keine Redaktion entging der Zeitungskrise in den vergangenen Monaten ungeschoren. Aber kaum einen Verlag schien es so unvorbereitet zu treffen wie den der „FAZ“. Als sei das nicht genug, leidet das Blatt unabhängig davon auch noch unter einer Zäsur. In der Krise will jeder Herausgeber sein Territorium verteidigen. Hinzu kommt, dass die „FAZ“ in den vergangenen Monaten von einigen ihrer Grand Seigneurs Abschied nahm. „Es kam alles zusammen“, sagt Dieter Eckart. Herausgeber Jürgen Jeske und Wirtschaftschef Hans- Dieter Barbier sind im Ruhestand, Aufsichtsratschef Hans-Wolfgang Pfeifer ist gestorben. An ihre Stelle sind andere getreten. „Die neuen Gesichter müssen sich aneinander gewöhnen“, sagt Eckart, und mahnt: „Wir müssen hier alle versuchen, einen Teil des guten Geistes zu erhalten und zu pflegen“. Fragt man ihn, was er damit meint, spricht Eckart von Anstand und Kollegialität, vom freundschaftlichen Ton, auch wenn die Meinungen in der Sache auseinandergehen.

Selbstzufrieden die nackten Füße hochlegen, das passt also nicht recht zur Situation, in der sich die FAZ-Gruppe befindet.

Ulrike Simon

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