Medien : „Es war eine verrückte Idee“

Jürgen Klopp hört als ZDF-Fußballexperte auf. Ein Gespräch über TV-Bundestrainer, Talente und Titanen

Herrr Klopp, Deutschland gegen die Türkei im Halbfinale. Besser konnte es nicht kommen, oder?

Das ist mein persönliches Traumhalbfinale. Ich finde es unglaublich sympathisch, wie die Türken ihre Siege gefeiert haben. Das gefällt mir. Und deshalb freue ich mich für die Türken.

Bekommen Sie von der guten Stimmung etwas mit, wenn Sie auf Ihrer Bregenzer Festbühne stehen?

Wir haben hier Stadionatmo, das kann ich Ihnen sagen. Mein Gefühl ist, dass die EM-Stimmung der von der WM 2006 nicht groß hinterherhinkt, auch wenn Bregenz nicht Deutschland und nur ein kleiner Urlaubsort ist. Aber wenn Sie die Stimmung ganz allgemein meinen, dann kann ich nur sagen, Superstimmung.

Wie steht's mit dem Fußball, wird bei der EM genauso gut gespielt wie bei der letzten WM?

Sogar noch besser. Auch wenn drei der vier Viertelfinalspiele vielleicht nicht ganz die Erwartungen erfüllt haben. Aber das kann passieren, wenn ergebnisorientiert gespielt wird. In der Vorrunde haben wir jede Menge Hochgeschwindigkeitsfußball gepaart mit sensationeller Technik gesehen, taktische Finessen waren dabei, das war alles richtig toll.

Das Viertelfinale Italien gegen Spanien war nicht ganz so gut. Und Ihnen hatte es auch ein bisschen die Sprache verschlagen.

Hätten wir ein Jahr lang keinen Fußball sehen können und dieses Spiel wäre das erste nach der Pause gewesen, hätten wir gesagt, okay, kein Superspiel, aber doch ganz ordentlich. Wir sind aber in der Vorrunde verwöhnt worden. Okay, das Spiel hat nicht wirklich Spaß gemacht. Ich muss zugeben, dass mich dieser Kick teilweise auch gelangweilt hat. Und das merkt man mir dann sicher auch an. Ich bin eben nicht nur Experte, sondern auch ganz normaler Konsument.

Wann sind Sie denn Experte und wann Konsument?

Das kann man so nicht trennen. Ich hätte auch bei diesem Spiel einige interessante Dinge herausarbeiten können, um zu erklären, warum dieses Spiel so lief, wie es lief, aber das hätte die Leute noch mehr gelangweilt, weil es ein Zuviel an Information geworden wäre. Wir wollen ja nicht, dass die Leute abschalten. Wir wollen sie unterhalten.

Nach drei Jahren ZDF, was hat Ihnen die Fernseharbeit gebracht?

Ich finde es immer befruchtend, wenn man Menschen treffen kann, denen man sonst nicht begegnet wäre. Diese Gelegenheit hat mir das ZDF geboten und zwar reichlich. Ich habe unglaublich viele interessante Menschen kennen gelernt. Ich wusste, dass ich vor der Kamera nicht nervös werden würde. Deshalb konnte ich das alles richtiggehend genießen. Ich war bei drei großen Turnieren mit dem ZDF dabei – eine unglaublich schöne Sache. Aber vermissen werde ich es nicht, nicht mehr auf der großen Bühne zu stehen.

Aber vielleicht werden Sie Urs Meier oder Johannes B. Kerner vermissen.

Beide nicht, weil ich beide häufig treffen werde. Ich werde auch Dieter Gruschwitz, den Sportchef des ZDF, nicht vermissen, weil ich ihn sicher auch öfter mal treffen werde. Er war es, der die verrückte Idee hatte, einen Ex-Schiedsrichter und einem Zweitligatrainer mit Johannes auf eine Bühne zu stellen und Fußball kommentieren zu lassen. Das war ein Wagnis. Und ich freue mich natürlich, dass es so gut mit uns geklappt hat. Daran hat ja nicht jeder geglaubt.

Hören Sie auf, weil Sie jetzt in die erste Bundesliga wechseln? Müssen Sie aufhören?

Nein, ich hätte in jedem Fall aufgehört. Auch wenn ich keinen neuen Job gefunden hätte.

Künftig bekommt es der Herr Kerner mit einem Titan zu tun, mit Oliver Kahn.

Jaha. Aber keine Sorge, das wird auch wunderbar funktionieren. Olli ist ein Fußballverrückter wie ich und damit mir nicht unähnlich. Da treffen zwei Vollprofis aufeinander, da muss man sich keine Gedanken machen.

Wer hat die Hosen an in dieser Beziehung, das Fernsehen oder der Fußball?

Ich würde sagen, keiner von beiden. Ich mag zwar auch Traditionen, aber ich kann auch damit leben, wenn in der übernächsten Saison mehr Bundesliga am Sonntag gespielt wird. Ich hätte etwas dagegen, wenn die Tore breiter gemacht werden sollten, damit mehr Tore fallen. Aber so weit sind wir ja noch nicht.

Hilft die Superzeitlupe, die wir bei dieser EM das erste Mal in ihrer ganzen Pracht erleben durften, einem Trainer beim Erkenntnisgewinn?

Sie glauben ja gar nicht, was ein geübter Trainer alles mit dem bloßen Auge erkennt. Das reicht in aller Regel aus, um ein Spiel richtig einschätzen zu können. Im Übrigen ist es ja nicht so, dass wir bisher hinterm Mond gelebt hätten. Wir haben auch bei Mainz 05 schon in der Pause mit Videos gearbeitet, um eine kurze Analyse zu machen und besser vorbereitet in die zweite Halbzeit zu gehen, so ist es ja nicht. Wir lassen da unsere eigenen Kameras mitlaufen. Das werden wir in Dortmund auch so machen.

Haben Sie jemals Schlechtes von einem Ihrer Trainerkollegen über sich als TV-Experte hören müssen?

Nein, nie. Ich wurde am Anfang mal gefragt, ob ich nicht Angst davor hätte, als eine Art Nestbeschmutzer missverstanden zu werden. Aber so habe ich das, was ich zu sagen hatte, nie verstanden. Es ging ja immer nur darum zu erklären, was wie und warum so kommen musste oder konnte. Und wenn, was soll schon sein? Ich habe das Talent, mich mehr an die schönen Dinge zu erinnern als an die weniger schönen. Ich bin gesund, meine Familie ist gesund. Alles andere lässt sich doch regeln.

Man hat Sie immerhin einen TV-Bundestrainer genannt.

Auf solche Sachen war ich vorbereitet. Wenn es dann tatsächlich kommt, dann trifft es einen nicht. Wenn du mit dir halbwegs im Reinen bist, dann geht so etwas an dir vorüber.

Herr Klopp, wer kommt ins Finale, Deutschland oder die Türkei?

Deutschland, und zwar in der regulären Spielzeit. Endstand 2:1.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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