Es wird ernst : In der Venusfalle

"Poppende" Spielerinnen, Tussis, Freundinnen: Wie Sportmagazine im Vorlauf zur Weltmeisterschaft über den Frauenfußball berichten.

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Als „Wilde Königin“ bezeichnet die Zeitschrift „11 Freundinnen“ die Brasilianerin Marta Vieira da Silva.
Als „Wilde Königin“ bezeichnet die Zeitschrift „11 Freundinnen“ die Brasilianerin Marta Vieira da Silva.Repro: Tsp

Manche Männer schauen sich die Freundinnen erst gar nicht an. Sie zerreißen sie, verpacken sie in eine Plastiktüte und schicken sie wütend zurück mit dem Hinweis, so etwas nicht anfassen zu wollen. Die Tüten landen bei Philipp Köster, er muss dann immer ein bisschen schmunzeln, wie konservativ männliche Fußballfans sein können. Frauen und Fußball, das geht für manche einfach nicht zusammen. Nicht auf dem Platz, nicht auf Papier.

Philipp Köster sieht das anders. Er ist Chefredakteur des monatlich erscheinenden Fußball-Magazins „11 Freunde“. Jedes Quartal liegt dem Heft das bei, was manche der Leser nicht anfassen wollen: die „11 Freundinnen“, in denen es ausschließlich um Frauenfußball geht. So sind Damen und Herren sauber getrennt und genau das sollte man nach Kösters Ansicht auch tun, wenn man über den Sport berichtet: „Nichts schadet dem Frauenfußball so sehr wie der Vergleich mit dem Männerfußball“, sagt er. „Man hat André Agassi doch auch nicht mit Steffi Graf verglichen oder Eishockey mit Feldhockey. Das ist jeweils eine völlig unterschiedliche Art zu spielen.“

Gerade ist ein „11 Freundinnen“-Sonderheft zur am kommenden Sonntag beginnenden Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen erschienen. Auf 100 Seiten werden alle 16 teilnehmenden Mannschaften vorgestellt, die bis zum 17. Juli um den Titel kämpfen, dazu gibt es Porträts, beispielsweise über die brasilianische Spielerin Marta Vieira da Silva und Carina Holl, die mit der deutschen Nationalspielerin Ursula Holl verheiratet ist.

Dass dem Frauenfußball so viel Platz eingeräumt wird, ist in deutschen Medien selten. Vor allem die einschlägigen Sportmagazine wirken so, als seien sie in den Jahren zwischen 1955 und 1970 hängen geblieben. Damals war Frauenfußball vom Deutschen Fußball-Bund offiziell verboten. Heute, 41 Jahre, sieben Europameister- und zwei Weltmeistertitel der Frauenfußball-Nationalmannschaft später, gönnt der „Kicker“ der Frauenfußball-Bundesliga montags lediglich eine halbe Seite, auch die „Sport Bild“ berichtet darüber nur unregelmäßig, wobei manchen Lesern schon der Abdruck der Bundesliga-Tabelle zu viel sein dürfte.

„Unsere vorrangige Aufgabe ist es nicht, den Frauenfußball zu fördern. Wir sind ein Magazin, das sich wirtschaftlich rechnen muss, und deshalb müssen wir in erster Linie darauf achten, was unsere Leser wollen. Und bisher haben sie eher wenig Interesse für den Frauenfußball gezeigt“, sagt „Kicker“-Chefredakteur Klaus Smentek.

Nicht nur Fußballerinnen, sondern Sportlerinnen insgesamt werden deutlich weniger in den Medien beachtet als Sportler. Nur 15 Prozent nehme der Anteil der Berichterstattung über Frauen in Tageszeitungen und regelmäßigen Sportnachrichtensendungen ein, hat Sportwissenschaftlerin Bettina Rulofs von der Deutschen Sporthochschule Köln herausgefunden. Besonders wenig Beachtung fänden die Frauen in klassischen Männersportarten wie Kugelstoßen oder Hammerwerfen.

Am Kiosk gibt es neben den „11 Freundinnen“ lediglich ein einziges weiteres Magazin, das sich ausschließlich dem Frauenfußball widmet: Das „Frauenfußball Magazin“, kurz „FF Magazin“. Es erscheint seit 18 Jahren, seit drei Jahren sogar monatlich zum Preis von vier Euro im Verlag Meyer & Meyer. 30 000 Exemplare werden monatlich verkauft.

Das Interesse am Frauenfußball wachse, wenn auch langsam, sagt Chefredakteurin Martina Tecklenburg-Voss, die mit der Nationalmannschaft 125 Länderspiele bestritten hat und mit ihren Vereinsteams zahlreiche Titel, darunter sechsmal die Deutsche Meisterschaft, gewonnen hat. Sie bietet mit dem „FF Magazin“ harte Fakten: Saisonrückblicke auf die Bundesliga, Champions-League-Ergebnisse, Neuigkeiten aus nationalen und internationalen Vereinen. Nüchtern und sachlich wird berichtet. Überschriften wie „Deutsche Mädels ,poppen’ Italien 5:0 weg“, wie die „Sport Bild“ kürzlich nach dem Testspiel in Anspielung auf Spielerin Alexandra Popp schrieb, wird es hier nicht geben. „Leider sind solche Zeilen aber ein Spiegelbild unserer Gesellschaft“, sagt Tecklenburg-Voss.

Vielen Medien scheint es schwerzufallen, ohne Sex und Erotik auszukommen, wenn es um Frauenfußball geht. Als „gierige Frohnatur“ bezeichnet der „Kicker“ Spielerin Okoyino da Mbabi. „Wir stehen auf Männer“. überschreibt die „Sport Bild“ ein Stück über die männlichen Idole der Frauen. Doch ganz unschuldig sind die Spielerinnen nicht daran, dass oft mehr ihr Aussehen als ihr sportliches Können im Mittelpunkt steht. Lira Bajramaj bezeichnet sich selbst als „Tussi“, die sich gerne schminkt und schön anzieht, ihr Ausrüster Nike wirbt mit dem Slogan „Wer scharf aussieht, schießt auch schärfer“, im aktuellen „Playboy“ zeigen sich Spielerinnen halb nackt – und scheinen damit der Aufforderung von Fifa-Chef Sepp Blatter nachkommen zu wollen, der nach der WM 2007 „mehr Sexyness“ forderte.

„Kicker“-Chefredakteur Smentek glaubt allerdings nicht, dass sich die Spielerinnen selbst schaden, wenn sie ihr Aussehen betonen. „Auch ein Spieler wie Cristiano Ronaldo tut das und ihm wird trotzdem nicht abgesprochen, ein guter Spieler zu sein.“ Während der WM werde sich der Fokus von aufmerksamkeitsheischenden Kampagnen wegbewegen und die Qualität der Spiele in den Vordergrund rücken, so „Sport Bild“-Chefredakteur Matthias Brügelmann.

Das Magazin bringt am heutigen Mittwoch ein 48-seitiges Spezialheft zur WM heraus mit einem Überblick über Mannschaften und Spielpläne, auch der „Kicker“ hat ein Sonderheft herausgegeben, das statt der geplanten 64 Seiten jetzt sogar einen Umfang von 102 Seiten hat – allerdings nicht, weil die Stammleser, die zu 95 Prozent Männer sind, plötzlich den Frauenfußball entdeckt hätten. Vielmehr sind es die Anzeigenkunden, die ein großes Interesse an dem Thema haben. „Und da werden wir uns jetzt sicher nicht in die Macho-Ecken verziehen und sagen, das interessiert uns nicht“, sagt Smentek.

Auf mindestens acht Seiten will der montags und donnerstags erscheinende „Kicker“ jeweils über die Weltmeisterschaft berichten, wenig im Vergleich zur WM der Männer 2010: 20 Seiten wurden damals pro Ausgabe produziert. Auch in den kommenden vier Wochen soll die Männer-Bundesliga Topthema im „Kicker“ bleiben. Trotzdem denkt Smentek darüber nach, künftig die Berichterstattung über Frauenfußball-Bundesliga zumindest auf eine Seite auszuweiten. „Wir müssen abwarten, ob sich aus dem aktuellen Hype und der Euphorie ein echtes Interesse an dem Sport entwickelt.“

Sogar das „Panini“-Magazin hat jetzt erstmals ein Album zu einer Frauenfußball-WM herausgebracht. Die Startauflage von 4,5 Millionen Päckchen mit Klebebildchen ist bereits ausgeliefert, eine Million werden jetzt nachgedruckt – für Leute, die Spielerinnen lieber sammeln als zerreißen.

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