Eskapismus-Fernsehen : „Reines Bauchgefühl, det kannste nich koofen“

Wolfgang Rademann steuert seit 30 Jahren das ZDF-„Traumschiff“. Ein Gespräch über Instinkte, die Endlichkeit der Welt, Knoblauch und anderes Glück.

Sie haben gut lachen. Das „Traumschiff“-Team ist wieder im Dienst auf hoher See: Harald Schmidt (Kreuzfahrtdirektor Schifferle), Inka Bause (Fitnesstrainerin Inka), Siegfried Rauch (Kapitän Paulsen), Heide Keller (Chefstewardess Beatrice) und Nick Wilder als Schiffsarzt Dr. Sander (von links). Am 6. November ist großes Jubiläum – das „Traumschiff“ fährt seit 30 Jahren durchs ZDF-Programm. Zuvor gibt es an jedem Samstag Wiederholungen.
Sie haben gut lachen. Das „Traumschiff“-Team ist wieder im Dienst auf hoher See: Harald Schmidt (Kreuzfahrtdirektor Schifferle),...Foto: Dirk Bartling

Herr Rademann, schicken Ihnen immer noch wildfremde Menschen Bratheringe mit der Post?

Das war nach der Verleihung der „Krone der Volksmusik“. In der Fernsehsendung hatte ich mich darüber beklagt, dass in Berlin, wo ich wohne, keine Hausmannskost mehr zu bekommen wäre. Am nächsten Tag kamen die Bratheringe, drei an der Zahl. Hausgemacht.

Danach kamen Sülzen.

Das war nach meinem Auftritt bei „Kerner“. Ich hatte zu Tim Mälzer gesagt, dass seine abgedrehten Sachen nichts für mich wären. Ich würde mich nach guten Sülzen sehnen. Schwupp waren die Sülzen im Briefkasten. Jetzt warte ich auf die nächste Fernsehsendung. Ein Gericht, das ich gerne hätte, ist noch offen.

Und das wäre?

Es passt auf jeden Fall in den Briefkasten.

Sie sind 76. Von der Rente mit 67 halten Sie wie viel?

Nichts. Ich arbeite so lange, wie ich kann und will. Rente bekomme ich ja sowieso nicht. Mit dem Thema können Sie mich nicht kriegen.

Was genau macht eigentlich der „Traumschiff“-Produzent Rademann?

Es fängt schon mal damit an, dass ich gar kein Produzent bin. Weil ich keine Firma habe und keine Angestellten. Ich bin selbstständig. Ich kann machen, was ich will. Ich habe keinen Chef und bin ein freier Mensch. Ich arbeite mit dem Geld vom ZDF und bin zufrieden, so wie es ist. Trotzdem glauben alle, ich wäre der Produzent vom „Traumschiff“. Dabei habe ich nicht mal einen Vertrag mit der Polyphon. Vor 40 Jahren gab's einen Handschlag mit Professor Gyula Trebitsch, und das war's. Wenn ich wollte, könnte ich morgen die Firma wechseln.

Was genau Sie machen, war die Frage.

Ich bin für das ganze Projekt „Traumschiff“ verantwortlich. Die Idee, die Besetzung engagieren, die Regie, das Drehbuch, das Team. Ich bin der Häuptling, der alles fertig macht und nach der Ablieferung das nächste Projekt angeht.

Wo ist denn da das Risiko?

Dass ich mit dem Geld nicht auskomme und meine Ideen bei den Zuschauern nicht ankommen. Ein gewaltiges Risiko, finde ich. Wenn es nicht läuft, bin ich draußen.

Was waren Ihre größten Flops?

Ich habe immer viel Schwein gehabt. Und ich habe einen Riecher. Den haste oder du hast ihn nicht. Mein Instinkt hat mich immer rechtzeitig gewarnt. Ich habe alle Sendungen freiwillig eingestellt, ich bin nie von einem Sender gezwungen worden, etwas zu beenden, weil es schlecht lief. Reines Bauchgefühl, det kannste nich koofen.

Kein Fehler, niemals?

Doch, einmal, und der hängt mit dem „Traumschiff“ zusammen. Ich habe nach Folge 18 gesagt, wir hören auf. Damals habe ich Sascha Hehn und Iris Berben in die untergehende Sonne vom Pazifik sagen lassen: „Auf Wiedersehen!“ Dann hat das ZDF angefangen, Folgen zu wiederholen. Der Erfolg war so groß, dass das ZDF sagte, Rademann, wir müssen weitermachen.

Sind Sie jemals ein Risiko eingegangen?

Ich habe nie riskiert, so richtig auf die Fresse zu fallen, wenn ich mal so sagen darf. Ein bisschen Sicherheit muss schon sein.

Das „Traumschiff“ zum Beispiel.

Genau. Obwohl es auch da einige Rätsel gibt, die schwer zu erklären sind. Ich selbst staune immer noch. Zum Beispiel über die Laufzeit: 30 Jahre. Und nichts hat sich all die Jahre am Prinzip der Sendung geändert. Mein größtes Problem ist, dass ich nicht mehr weiß, wo wir noch hin sollen. Mir geht die Welt aus.

Wenn's nach Ihnen geht, dann könnte es immer so weitergehen?

Warum nicht? Ich habe mich immer dem Zeitgeist entzogen. Alles was „in“ ist, kommt bei mir nicht vor. Ich habe von Anfang an zu den Kostümbildnern gesagt, keine Mode! Ich bin zeitlos. Das hilft bei Wiederholungen.

Jetzt hat auch Harald Schmidt mitgespielt, als Kreuzfahrtdirektor Schifferle. Wie fanden Sie das?

Ich fand das sehr originell von mir. Aber ich bin gar nicht der Erfinder von ihm.

Sondern?

Er selber. Aber eigentlich habe ich das meinem alten Freund Peter Alexander, Gott hab ihn selig, zu verdanken. Für die Sendung zu dessen 80. Geburtstag habe ich Statements von Prominenten eingeholt, darunter auch von Harald Schmidt. Schmidt sagte, er wolle dafür kein Honorar, sondern beim „Traumschiff“ mitspielen. Ähnlich war das mit Otto Sander. Ich hätte mich nie getraut, ihm eine Rolle auf dem „Traumschiff“ anzubieten. Irgendwann kam er auf mich zu, bohrte mir seinen Zeigefinger in die Brust und fragte mich, „warum spiele ich nicht mit bei dir? Ich will rauf auf den Kahn, ich bin Segler“. Inzwischen war er schon zweimal dabei.

Haben Sie Peter Alexander je gefragt, ob er bei Ihnen mitspielen wolle?

Peter wollte nicht. Andere können nicht. Weil sie seekrank werden. Gisela Schneeberger zum Beispiel, die ich immer haben wollte.

Sie kriegen alle. Außer denen, die seekrank werden.

Nee, nicht alle. Es gibt Schauspieler, die ablehnen. Besonders wenn sie Anfang 20 sind. Denen ist das zu viel Unterhaltung und zu wenig Kunst. Und dann gibt es welche, die haben unterschrieben und erfahren dann, dass sie in ihrer Kabine nicht rauchen dürfen. Und geben den Vertrag zurück.

Keine Namen?

Keine Namen. Diskretion ist mein Geschäft.

Wer hat bei Ihnen keine Chance?

Ich passe auf, dass keine Stinkstiefel mit an Bord kommen. Das kann auf einem Schiff, von dem keiner weg kann, schnell sehr gefährlich werden. Aber ich kenne ja meine Pappenheimer.

Was geht nicht auf dem „Traumschiff“?

Ich hatte mal einen Schauspieler, der ist zum Essen barfuß in den Speisesaal gegangen. Das hat der aber nur einmal gemacht! Ganz wichtig: kein Alkohol. Sie glauben gar nicht, wie wir beim Drehen unter Beobachtung stehen. Manchmal hört man von den anderen, zahlenden Passagieren auch Sachen wie: Nicht nur, dass die hier auf unsere Kosten Urlaub machen, jetzt nehmen die uns auch noch die Plätze an der Bar weg. Aber das ist natürlich Unsinn.

Rademann, der Aufpasser.

Ich habe mein eigenes Recherchesystem. Und außerdem rieche ich, wenn irgendwo was ist. Dann bin ich ganz schnell da.

Hat es Sie nie gejuckt, mal was ganz Verrücktes zu machen?

Es gibt da etwas, aber das werde ich nie umsetzen dürfen. In der Schiffsküche des „Traumschiffs“ werden in drei Riesenkesseln die Suppen gekocht. Ich hatte die Idee, wie es wäre, wenn da mal jemand ein paar Pillen reinwerfen würde und das ganze Schiff auf den Topf müsste. Eine Erpresserstory, Sie verstehen. Die Reederei, der das „Traumschiff“ gehört, hat zu mir gesagt, ob ich verrückt geworden wäre.

Aber einen Grimme-Preis haben Sie immer noch nicht.

Damit kriegen Sie mich nicht! Einen Grimme-Preis brauch ich nicht. Da lege ich immer noch keinen Wert drauf.

Wenn Ihnen einer mit Ernsthaftigkeit kommt, dann lachen Sie darüber?

Da steh' ich drüber.

Hilft dabei auch der Knoblauch, den Sie täglich zu sich nehmen?

Das habe ich von Johannes Heesters. Ich mache das seit 30 Jahren. Immer pur. Aber nicht zu Marmelade. Sondern nur, wenn es passt.

Vermittelt das „Traumschiff“ eine Vorstellung von Glück?

Das Wort Glück finde ich zu groß. Ob Sie glücklich werden, wenn Sie sich das „Traumschiff“ ansehen, das bezweifele ich. Ich wäre damit zufrieden, wenn Sie sich 90 Minuten gut unterhalten hätten.

Seit den 60er Jahren arbeiten Sie für das Fernsehen. Wie viele Produktionen tragen Ihre Handschrift?

Sie dürfen mitfeiern: Das 65. „Traumschiff“ am 6. November im ZDF ist meine 500. Produktion. Ich bin wohl der einzige in Deutschland, der das geschafft hat.

Man könnte stolz drauf sein.

Könnte man. Muss man aber nicht.

Das Gespräch führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

Die „Jubiläumsfolge zu 30 Jahren „Traumschiff“ läuft am 6. November um 20 Uhr 15 im ZDF.

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