Medien : EU-Osterweiterung: Europa - menschlich gesehen

Erik Heier

Betriebsausflüge sind was Feines - etwas Nettes zusammen unternehmen, ein bisschen verreisen, das Gemeinschaftsgefühl stärken. All das mutmaßten womöglich die Macher vom "Morgenmagazin", das ARD und ZDF seit 1992 im wöchentlichen Wechsel getrennt produzieren und zwischen 5 Uhr 30 und 9 Uhr ausstrahlen. Dem Fernsehzuschauer wird nun in den kommenden zwei Wochen erstmals ein senderübergreifendes Reportageprojekt zum Frühstücksei gereicht. Die bevorstehende EU-Osterweiterung bot den Anlass, unter dem Titel "Die Kandidaten - Wer darf rein in die EU?" ein gemeinsames 25-köpfiges Team mit einem Elftonner für die Satellitenübertragung durch vier der sechs Beitrittskandidaten zu schicken: durch Ungarn, die Tschechische Republik, durch Polen und Estland.

Vierzehn Tage lang werden die Reporter Susanne Gelhard, Leiterin des ZDF-Studios in Warschau, und der renommierte ARD-Auslandskorrespondent Friedhelm Brebeck ziemlich wenig schlafen: Aufstehen um 4 Uhr 30, drei Live-Schaltungen von insgesamt 20 Minuten täglich, und um neun ab ins Auto zum nächsten Ort. Los geht es heute in Budapest. "Das war früher die lustigste Baracke im Warschauer Pakt", sagt Brebeck, "aber gegen diese Klischees muss man reportieren. Denn die Hauptstädte der Länder, das sind nicht die Länder. Also fragen wir: Was ist im Land?" Entsprechend breit ist das anvisierte Themenspektrum: Probleme der ungarischen Sinti und Roma, Tourismus am Balaton, der Kampf gegen Korruption und organisierte Kriminalität in der Tschechischen Republik, die Situation an der künftigen EU-Außengrenze in Polen und Estland.

Elf Jahre nach dem großen Umbruch ist bei den EU-Kandidaten manche Euphorie in Ernüchterung umgeschlagen. "Wir wollen auf keinen Fall nur eine heitere Reisereportage machen", sagt denn auch Susanne Gelhard, "sondern positive und negative Aspekte ansprechen". Dabei werden auch mögliche Vorbehalte und Ängste in Deutschland thematisiert.

Warum ARD und ZDF erst nach neun Jahren ein gemeinsamen Projekt bewerkstelligen? "Aus verschiedensten Gründen hat es erst jetzt geklappt", sagt Johannes Kaul, Redaktionsleiter beim WDR, der für die ARD das "Morgenmagazin" produziert. "Aktualität kam dazwischen, auch Bürokratie." Ein wirklich einleuchtender Grund fällt ihm nicht wirklich ein. Jedenfalls bietet sich spätestens im nächsten Jahr eine neuerliche Gelegenheit, das Gemeinschaftsgefühl von ARD und ZDF zu stärken. Dann nämlich, wenn das "Morgenmagazin" zehn Jahre alt wird.

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