Eventfilme : XXL ist noch viel zu klein

"Gustloff" & Co.: Wenn das Fernsehen Geschichte macht und Eventfilme herauskommen.

Eckart Lottmann

Nein, das sei nicht in Ordnung, empörte sich Hans Janke, Leiter des Fernsehspiels beim ZDF. Der Medienjournalist Tilmann P. Gangloff hatte gerade dem Publikum der „Tutzinger Medientage“ die Verkaufstrailer mehrerer historischer Eventfilme gezeigt. „Ein Politthriller zwischen Liebe und Leid“, so wurde da beispielsweise der Film „Die Luftbrücke“ angepriesen. Verkaufstrailer vermitteln auf dieser Tagung einen falschen Eindruck, meinte Janke. Damit hat Janke einerseits recht – andererseits zeigen gerade die Trailer sehr deutlich, was die Sender in diesen Filmen sehen. Als was sie sie verkaufen wollen.

„Fernsehen macht Geschichte“, das war der Titel der Tagung, die geschickter nicht hätte terminiert werden können. Im ZDF lief der „Gustloff“-Zweiteiler. Der Film über den Untergang des Passagierdampfers Ende des Zweiten Weltkriegs nach Beschuss durch ein sowjetisches U-Boot war vom Sender aufwendig beworben worden. 8,45 Millionen Zuschauer sahen den ersten Teil, 7,97 Millionen den zweiten. Die anschließenden Dokumentationen hatten ebenso respektable Quoten. Jürgen Wolf, der Medienkritiker, fand Kritikwürdiges an den „Gustloff“-Filmen: In die Doku über die „Gustloff“ seien neben historischen Filmaufnahmen auch Szenen des Spielfilms eingearbeitet worden, ohne besondere Kennzeichnung. Der Spielfilm behaupte Authentizität, die Dokumentation montiere inszenierte Aufnahmen zwischen originale - „so beglaubigen sich beide Filmformen gegenseitig“.

Wie frei darf man mit Geschichte umgehen? Eigentlich waren sowohl die Macher auf den Podien als auch das Publikum der Meinung, Film erzähle und konstruiere sowieso immer, jeder Film habe so seine eigene Wahrheit. Die „Erbsenzähler“, das Wort wurde immer nur verächtlich ausgesprochen, die „Erbsenzähler“ seien die, die immer nur schauen, ob die Uniformknöpfe richtig waren und die Tischdeckchen. So sollte man Geschichtsfilme nicht bewerten, da waren sich alle einig. Aber so sehr auch die Redakteure ihre Event-Movies lobten, die Regisseure ihre akribische Recherche, und die Produktionsfirma, die so viele Geschichtsevents produziert hat, nämlich Teamworx, ihre Verantwortung hochhielt – es blieb da doch ein Unbehagen. Soll man wirklich sagen: Hauptsache, es kommt wieder Geschichte vor im Fernsehen, da gestatten wir uns ein paar attraktive Zugaben?

Tilmann P. Gangloff hatte vor dem imposanten Sperrfeuer der TV-Macher darauf verwiesen, dass drei der großen Geschichts-Eventfilme ähnliche Liebesgeschichten coverten. „Luftbrücke“, „Sturmflut“ und „Dresden“ erzählten ihre historische Geschichte jeweils hinter dem Vordergrund der amourösen Konstellation „Eine Frau zwischen zwei Männern“. Liebe zieht mehr Zuschauer, das ist schon klar – doch dreimal das Konstrukt „eine Frau, zwei Männer“, das klingt doch sehr nach Kalkül, nach einem recht zynischen zudem. Da seufzte Ariane Krampe, Produktionsleiterin bei Teamworx. „Daraus haben wir gelernt, darunter haben wir gelitten“, sagte sie. „Zum Teil gab es da ein falsches Pathos, das ich bedauere. Aber ich bin Kaufmann!“ Große Firma, viele Mitarbeiter, die wollen alle leben, keine Frage. Der Quotendruck bei den privatrechtlichen Sendern sei enorm, sagte Krampe, das habe sie auch bei dem Film über den deutschen Archäologen Heinrich Schliemann erfahren. „Der Auftrag von Sat 1 beim Schliemann-Film war: Wir erzählen eine spannende, unterhaltsame Geschichte von einer Schatzsuche. Damit tut man Schliemann Unrecht!“ Diese Sender „bestellen einfach eine andere Reise des Helden als die öffentlich-rechtlichen“.

Michael André, Redakteur beim WDR, ebenfalls verantwortlich für einige Geschichtsfilme mit Eventcharakter, sah es ganz pragmatisch: Das Fernsehen würde so, wie es ist, nicht bleiben, angesichts der großen Konkurrenz des Internets. Das, was sie beim WDR und bei anderen Sendern machten, sei „ein Kampf gegen die Marginalisierung dieses Mediums“. Aber dann wollte er doch nicht nur pragmatisch sein und sagte, das Fernsehen, auch im Geschichtsbereich, werde „immer emotionaler und sentimentaler“. Und: „Viele dieser Filme haben keine Widerhaken, sie bleiben nicht haften, prägen sich nicht ein.“

Schon Rainer Wirtz, Professor für Geschichte und Soziologie an der Uni Konstanz, hatte anfangs festgestellt: „Wetter und Geschichte haben gemeinsam, dass sie zunehmend gefühlt werden.“ Wichtig bei der Werbung sei immer wieder die Zuschreibung, der Film sei „authentisch“. Wenn einem Film diese „Illusion der Authentizität“ gelinge, dann billige das Publikum auch den Schauspielern ohne weiteres Sachverstand zu. So sei die Schauspielerin Veronica Ferres in etlichen Talkshow-Auftritten nach der Ausstrahlung des ARD-Films „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ als Expertin für den DDR-Alltag angesprochen worden.

Eigentlich gebe es ja einen fundamentalen Gegensatz zwischen Geschichtswissenschaft und Film, sagte Wirtz. Während die Geschichtswissenschaft versuche, vielschichtige Hintergründe aufzuzeigen und Zusammenhänge herzustellen, müssten Filme Komplexität reduzieren, müssten einzelne Schicksale stellvertretend für viele konstruieren.

Es wird so weitergehen, mit den historischen Eventfilmen, weil es einen Markt dafür gibt. Lutz Hachmeister, Filmautor und Produzent, konnte eine ganze Reihe von möglichen Themen aufzählen. „Der letzte Film über die Widerstandsarbeit der ,Roten Kapelle‘ ist in den 70er Jahren gedreht worden“, sagte er. Da sei eine Neuauflage längst fällig. „In dem Stoff ist alles drin: Die Nazis, der Widerstand, Partnertausch und freier Sex.“ Beste Chancen also, das nötige Geld aufzutreiben. Hachmeister verstand seinen Vorschlag als Geschenk.

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