Ex-Sat-1-Chef Schawinski : "Sie müssen mir die Füße küssen“

Roger Schawinski bilanziert seine Zeit als Sat-1-Chef. Ein Gespräch über den Geiz von Haim Saban, den Schmerz von Anke Engelke und die reine Wahrheit

22082007_Schawinski
Ein Schweizer in Deutschland: Roger Schawinski. -Foto: ddp

Herr Schawinski, warum sind Sie eigentlich ein so grausamer Mensch?

Ich sehe mich lieber etwas differenzierter. Ich glaube, dass ich ein Mensch bin, der durchaus einiges an Empathie mitbringt.

Sie sind also nicht der supercoole Macher, der kommt, macht und fröhlich winkend abgeht?

Überhaupt nicht. Ich war immerhin drei Jahre bei Sat 1. Aber ich wollte nicht den Rest meiner Tage jeden Morgen mit der Fernbedienung in der Hand vor dem Fernseher stehen und zitternd die Quoten abfragen.

Warum sind Sie weg von Sat 1?

Eigentlich hätte ich Oktober letzten Jahres meinen Vertrag verlängern sollen. Aber ich habe mich dagegen entschieden, weil ich zu der Zeit bereits wusste, dass der Verkauf des Senders geplant war.

Haim Saban kam, Sie kamen, Haim Saban ging, Sie gingen. Was für ein Zufall.

Es war Zufall. Aber ich habe realisiert, dass aufgrund des zu erwartenden sehr hohen Verkaufspreises auch der Druck auf mich exorbitant geworden wäre. Und das wollte ich mir nicht mehr antun.

Georg Kofler, Ex-Geschäftsführer von Premiere, will nach seinem Ausscheiden ein „richtiger Unternehmer“ werden, wie er gesagt hat. Und endlich frei sein. Verstehen Sie den Mann?

Nur zu gut. Georg Kofler hat die Kurve gekriegt. Timing ist in unserem Beruf entscheidend. Und Kofler hat ein Supertiming hingelegt. Für mich ist sein Ausstieg ein Zeichen. Er wird gespürt haben, dass es bei Premiere im Gebälk knistert.

Haben Sie es bei Sat 1 auch knistern hören?

Aber absolut. Schon damals war klar, dass in den nächsten Jahren große Umwälzungen auf das Privatfernsehen zukommen werden. Und außerdem war mir klar, dass bei Sat1 nach dem Verkauf alles auf den Prüfstand gestellt werden würde. So ist es dann ja auch gekommen.

Wären Sie geblieben, wenn die Springer AG Pro Sieben Sat 1 hätte kaufen dürfen?

Das müssen Sie Mathias Döpfner fragen.

Was war Sat 1 für Sie, nur ein weiterer Posten in Ihrer Karriere?

Ein Geschäft war es für mich jedenfalls nicht, wenn Sie auf mein Gehalt anspielen. Ich habe als Medienunternehmer besser verdient, viel besser. Ich bin ganz sicher nicht aus materiellen Gründen zu Sat 1 gegangen. Sondern weil ich die Aufgabe spannend fand und große Möglichkeiten gesehen habe.

Haim Saban war da wohl etwas anders gestrickt. Der wollte ausschließlich ein gutes Geschäft machen. Haben Sie von Herrn Saban zum Abschied auch 400 Euro bekommen, so wie die allermeisten Angestellten nach dem Verkauf des Senders?

Ich habe gar nichts bekommen. Und ich bin froh darüber. Weil es mir peinlich gewesen wäre. Ein gnädiger Zufall wollte es, dass ich schon im Januar 2007 aufgehört habe und nicht mehr auf der Liste der Mitarbeiter stand, als das Geld kam. Ich habe Saban eine Mail geschrieben und ihm mitgeteilt, wie ich es nach dem Verkauf meiner Firma gehandhabt habe, nämlich jedem Mitarbeiter pro Jahr Zugehörigkeit 2500 Euro überwiesen zu haben. Dabei war mein Betrieb im Vergleich zu Pro Sieben Sat 1 eine Klitsche.

Und was hat Saban geantwortet?

Nichts. Das war mir schon vorher klar. Aber andere Unternehmer hierzulande stecken beim Ausstieg gleich alles in die eigene Tasche. Da war Haim großzügiger.

Haben Sie bei Ihrem Amtsantritt 2004 gewusst, was Saban vorhatte? Waren Sie blauäugig?

Blauäugig? Natürlich nicht. Saban hat bei seinem Antritt unverbrämt gesagt, was er will. Das hat mich damals sehr beeindruckt. So etwas würden Sie von einem deutschen Manager nie hören. Als er Pro Sieben Sat 1 nach drei Jahren mit diesem Riesengewinn verkauft hat, habe ich ihm geschrieben, dass sein Timing super gewesen wäre. Und das war es auch. Würden Sie etwa nicht verkaufen, wenn Sie den Kurs innerhalb von etwas mehr als drei Jahren von sieben Euro pro Aktie auf 28 gebracht hätten? Sie hätten, ich sag’s Ihnen. Seine Nachfolger werden sehr viel arbeiten müssen, um ähnliches auch nur annähernd zu erreichen. Schließlich haben sie vier Milliarden Euro Schulden bei den Banken.

Sie wollten aus Sat 1 einen Qualitätssender machen. Haben Sie?

Innerhalb der Möglichkeiten des Privatfernsehens: ja. Sat 1 ist wahrscheinlich der öffentlich-rechtlichste Sender unter den Privaten. Und ich bin nicht in die Niederungen des Trashs hinabgestiegen.

Und heute?

Ich habe nicht gesagt, dass Sat 1 durchweg Qualitätsfernsehen ist, auch nicht zu meiner Zeit gewesen ist. Aber wir haben versucht, in diese Richtung zu gehen.

Sie haben Thomas Kausch für die Sat-1-Nachrichten geholt. Kausch musste vor kurzem gehen.

Man kann die Entlassung von Thomas Kausch nicht anders als ein klares Statement der neuen Eigentümer betrachten.

Warum ist es so schwer, eine seriöse Nachrichtensendung erfolgreich im Privatfernsehen zu etablieren?

Weil Sie einen langen Atem brauchen. RTL hat zehn Jahre gebraucht, wir hätten zehn Jahre gebraucht. Wir waren auf dem besten Weg.

Sind Sie gescheitert?

In der Logik der Finanzchefs, Controller und McKinseys bedeuten Nachrichten in erster Linie Kosten. In einer Fernsehwelt, in der jede Sendung daran gemessen wird, wie sie sich selbst refinanziert, stehen Nachrichten immer am Schluss. In dieser Welt werden Nachrichten nur negativ bewertet.

Sie kannten das Fernsehgeschäft, bevor Sie zu Sat 1 gingen. Hätten Sie nicht bei Sat 1 eine kleine Revolution ausrufen müssen, um Erfolg haben zu können?

Alle Untersuchungen zu diesem Thema zeigen, dass man langfristig nur dann Erfolg haben kann, wenn die Glaubwürdigkeit stimmt. Mit Revolutionen kommen Sie da nicht weit. Die Zuschauer wollen das Gefühl haben, nicht von der Welt weggeschaltet zu sein. Sie wollen die Gewissheit, dass sie, wenn etwas Wichtiges in der Welt passiert, entsprechend informiert werden. RTL hat vorgemacht, wie es geht. RTL kosten die Nachrichten auch Geld. Aber sie leisten sie sich, weil sie wichtig sind fürs Image.

In Ihrem Buch finden sich viele Zitate, die den Urheber oder die Urheberin nicht immer glücklich machen werden. Sind Sie mutig oder einfach nur übermütig?

So viele wörtlich Zitate sind es doch gar nicht.

Zum Beispiel Anke Engelke: „Ich kann nicht mehr. Ich bin doch eine Frau.“ Da war „Anke Late Night“ bereits tief in der Krise, über das nahe Ende wurde spekuliert, die Nerven lagen blank.

Ich muss zugeben, da habe ich ein bisschen gezögert, vor allem wegen des Zusammenhangs, in dem dieser Satz gefallen ist. Aber der Satz ist so wahr, wie ich hier sitze.

Haben Sie keine Angst, dass Ihnen Klagen nur so um die Ohren fliegen werden?

Ich habe gute Anwälte. Wir haben natürlich vorab alles juristisch prüfen lassen, aber ganz sicher kann man ja nie sein. Klagen kann jeder jederzeit. Pro Sieben Sat 1 hat damit gedroht, das Buch verhindern zu wollen. Das hat nicht gekappt. Aber vom Tisch ist die Sache noch nicht.

Ihre ehemaligen Kollegen um Pro-SiebenSat-1-Chef Guillaume de Posch scheinen etwas dünnhäutig zu sein.

Für mich kam das auch ein wenig überraschend. Immerhin hat mir Guillaume noch am 11. Juni zu meinem Geburtstag gratuliert und dabei nicht ein Wort über das Buch verloren. Als Nächstes kam ein offizielles Schreiben von Anwälten, das in einem ganz anderen Ton gehalten war.

Glückwunsch! Sie haben sich mit Ihrem Buch schon jetzt Feinde gemacht.

Mag sein. Aber in diesem Fall kann ich wirklich nicht sehen, wo das Problem sein soll.

Und Anke Engelke?

Ich habe alles, wirklich alles versucht, „Anke Late Night“ und „Ladyland“ zu einem Erfolg zu machen. Und das weiß sie auch. Es sollte nicht sein. Late Night in Deutschland funktioniert eben nicht mehr. Ich glaube, dass das Scheitern dieser Sendung Anke zutiefst, wirklich zutiefst getroffen hat. Ich habe ihren Schmerz gespürt, und das hat mir sehr weh getan.

Sie sind ein Mensch mit Herz. Aber immerhin doch grausam genug, den romantischen Schleier vor unseren Augen zu zerreißen. Sie zeigen uns in der „TV-Falle“, wie es im Fernsehen, jedenfalls im privaten, zugeht.

Sie müssten mir die Füße küssen, dass Ihnen endlich jemand zeigt, wie die Realität aussieht. Wollen Sie weiter träumen?

Sie sind ja ein richtiger Aufklärer.

Wenn ich etwas erlebt habe, das ich für wichtig halte, dann treibt mich ein Mitteilungsbedürfnis. Ich will, dass die Leute erfahren, was hinter den Kulissen passiert.

Und damit vermiesen Sie uns gleich vier Sender: RTL, Sat 1, ARD und ZDF.

Vermiesen will ich Ihnen gar nichts. Ich begründe nur, warum das Programm der Sender so aussehen muss, wie es aussieht. Und das hat so, glaube ich, noch keiner vor mir getan.

Aber warum? Sie hätten doch in aller Ruhe die Schweizer Berge besteigen können und Sat 1 irgendeinen Sender in Deutschland sein lassen können.

Ich bin Journalist. Und Journalisten sollten der Wahrheit verpflichtet sein und nichts als der Wahrheit.

Was ist Fernsehen? Eine neue Form der Mafia?

Fernsehen ist Dschungelkampf. Eine mächtige, alles verzehrende Maschine, die Tag und Nacht arbeitet und keinem der Beteiligten Zeit zum Philosophieren lässt. Aber wie verrückt das Ganze ist, das begreifen Sie erst, wenn Sie wieder draußen sind.

Am Ende Ihres Buches zitieren Sie Harald Schmidt, der Ihnen zu Ihrem Ausstieg gratuliert. Das muss wahre Freundschaft sein.

Wenn Sie das sagen.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

0 Kommentare

Neuester Kommentar