Medien : Eytan Fuchs im Interview: Jerusalem ist uns egal

Wie wirken die Medien in Israel[in der Kri],jetzt[in der Kri]

Eytan Fuchs, 1964 in New York geboren, kam als Kind nach Israel. Der Regisseur genießt dort Kultstatus. Sein erster Film "Das Lied der Sirene" war Israels größter Kassenschlager und wurde weltweit ausgestrahlt, auch in der ARD.

Wie wirken die Medien in Israel, jetzt, in der Krise?

Leider haben das israelische und palästinensische Fernsehen in den vergangenen Wochen ihre Macht ausgenutzt. Das israelische Fernsehen hat immer wieder den Lynchmord an den Israelis in Ramallah gezeigt, das palästinensische Fernsehen die Bilder der getöteten Jugendlichen. Das ist wie ein Mantra gewesen und hat die Situation angeheizt.

Aber die Medien können beides - sowohl die negativen Gefühle anheizen als auch das Gegenteil. Sie könnten auch die Stimme der Vernunft sein, die sagt: Wir müssen einen Weg zurück zum Gespräch finden. Die zwei Völker leben hier und werden hier bleiben. Am Ende wird es einen palästinensischen Staat geben. Wir müssen mit denen leben und sie mit uns.

Haben Sie Kontakte zu Palästinensern?

In den letzten Wochen nicht wirklich, außer zu einem palästinensischen Schauspieler, der in Tel Aviv wohnt. Wir sitzen nur da und trinken Kaffee.

Ihre Fernsehserie "Florentin" zeigt ein äußerst progressives Bild von Israel. Eine hippe israelische Generation X wird porträtiert, es gibt sogar einen schwulen Hauptdarsteller. Der Holocaust spielt für sie kaum eine Rolle. Ist die Jugend Israels wirklich so?

In dem Israel, dem ich angehöre, sicherlich. Die Jugendlichen haben hier immer unter den Problemen Israels gelitten: unter der ewigen Angst vor Krieg; unter der Ideologie, dass wir von Feinden umzingelt sind und stark sein müssen, um zu überleben; und unter der Wehrpflicht. Ein neuer Israeli ist entstanden, der anders sein will. Wir wollen Teil des Global Village sein.

Als ich 18 Jahre alt war, galt es als unmöglich, den Armeedienst nicht zu absolvieren oder den Kampfeinsatz zu verweigern. Heute sehen die jungen Leute das anders. Die junge Generation hat Netanjahu gestürzt und Barak an die Regierung gebracht. Sie hat Barak außerdem gezwungen, den Libanon zu verlassen. Wir werden keinen weiteren Krieg führen. Oder wir werden es zumindestens nur mit sehr ambivalenten Gefühlen tun.

Was genau hat sich im Selbstverständnis dieser Generation verändert?

Diese Generation hat sich zum "ich" hin orientiert, weg vom "wir". Das Ego ist jetzt wichtiger als die Gemeinschaft. Für Israel ist das eine äußerst gesunde Entwicklung. Es gab früher immer diese Gehirnwäsche: Wir als Opfer gegen den Rest der Welt. Bis der Libanon-Krieg und die Intifada den Leuten klar machte, dass wir vom Opfer zum Täter geworden waren. Das war eine existentielle Krise. Die Jugend antwortete darauf, indem sie Rabin wählte. Weil wir nicht länger in den Krieg ziehen wollten.

Am 4. November jährte sich die Ermordung Rabins zum fünften Mal. Auch in ihrer Serie war das Attentat ein zentrales Thema.

Ja, die Ermordung Rabins hat meine Generation bis in die Grundmauern erschüttert. Wir dachten, wir wären auf dem richtigen Weg und könnten uns in unsere kleine Welt zurückziehen. Plötzlich zerbrach all das. Das ist eine Parallele zur heutigen Lage. Wir wurden schon wieder von den Ereignissen überrascht. Wir haben unser MTV-Leben geführt, und die Palästinenser haben weiterhin gelitten. Und wir dachten, wir sind auf dem Weg der Lösung des Konflikts. Die modernen Israelis in Tel Aviv wollen wirklich Frieden. Sie wollen einen Staat für die Palästinenser. Ihnen ist egal, dass man dafür einen Teil Jerusalems aufgeben muss.

Wie stark bekommt man in Tel Aviv die Intifada mit?

Vor ein paar Tagen ging ich abends in Tel Aviv aus. Menschen über 30 trifft man in den Bars zur Zeit nicht an. Sie bleiben zu Hause. Aber die Jungen bestehen darauf, ihr Leben fortzuführen. Auch das ist ein politisches Statement. Viele sprechen davon, Israel zu verlassen, selbst wenn sie es nicht wirklich tun werden. Meine Generation hatte gehofft, dass unsere Kinder einmal nicht zur Armee müssten. Vor einem Jahr plante die Armee, den Wehrdienst zu kürzen. Kürzlich las ich in der Zeitung, dass dieses Vorhaben erst einmal verschoben ist. Ich hatte Tränen in den Augen.

Zwei ihrer Hauptdarstellerinnen in "Florentin" schauen sich lieber Videos an, als am "Jom Kippur", dem heiligsten jüdischen Feiertag, in die Synagoge zu gehen. Sind die jungen Israelis denn nicht mehr religiös?

Die meisten jungen Leute, die in Tel Aviv, Florentin oder Haifa wohnen, gehen an Jom Kippur nicht in die Synagoge. Sie stürmen die Videotheken, da es an diesem Tag kein Fernsehen gibt. Auch ich gehe nicht in die Synagoge. Dies ist eines der großen Probleme, die unsere Gesellschaft verändert. Die Kluft zwischen den Orthodoxen, die politisch eher rechts stehen, und den Linken, säkularen Israelis auf der anderen Seite vergrößert sich immer mehr.

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