Fall Maddie : „Unklug, dieser Medienirrsinn“

Was hätten die Eltern der vermissten Madeleine anders machen sollen? Ein Interview mit Nick Ross, dem britischen „Eduard Zimmermann“.

PORTUGAL
Dauerbeobachtung: Die Medien registrieren jeden Schritt des Ehepaar McCann. -Foto: AFP

Kate und Gerry McCann, die Eltern des vermissten Mädchens Madeleine, bitten jetzt darum, ihre Privatsphäre zu respektieren. Ist das nicht etwas merkwürdig, nachdem sie selbst immer wieder mit ihrer Kampagne in die Öffentlichkeit gegangen sind?

Mir gefällt die Logik nicht, zu sagen: Ihr habt angefangen, das habt ihr nun davon. Das kommt mir vor wie ein Boxkampf, bei dem einer das Handtuch wirft und der andere dann trotzdem immer weiter auf ihn einschlägt. Es war sicher nicht klug von den McCanns, diesen Medienirrsinn zu starten. Es hatte aber auch was von einer Übersprungshandlung. Sie waren in einem fremden Land, sprachen die Sprache nicht, dann haben sie die Öffentlichkeit gesucht.

Das erklärt noch nicht, dass man dann gleich bis zum Papst gehen muss.

Man kann das oft bei Opfern spektakulärer Verbrechen beobachten: Sie lassen sich von der großen Aufmerksamkeit der Medien einnehmen und vorantreiben.

Warum bewegt gerade dieser Fall die Menschen so sehr?

Weil alle mitfühlen können, wie schrecklich diese Erfahrung für die Familie sein muss. Jeder hat wohl mal seine Kinder kurz allein gelassen. Dann haben wir hier ein typisches Middle-Class-Paar, artikuliert, telegen. Vergessen Sie nicht, dass die meisten Journalisten auch aus der Middle Class kommen.

Sie hatten mit Ihrer Sendung „Crimewatch“ auch Ihren Anteil am Medienhype. Die McCanns haben dort an die Öffentlichkeit appelliert.

Ich war nicht glücklich über diesen Auftritt. Es gab Meinungsverschiedenheiten in der Redaktion. Programme wie „Crimewatch“ oder auch das deutsche „XY ungelöst“ haben ja ein Dilemma: Die Zuschauer erwarten, dass die großen spektakulären Fälle dort vorkommen. Ich glaube allerdings nicht, dass die vielen Anrufe und Tipps die Polizei in so einem Fall noch voranbringen. Im Gegenteil, der Druck wird erhöht und zu viel Zeit für Nebensächliches verbraucht. In so einem spektakulären Fall kann sich die Polizei nämlich nicht erlauben, dass irgendwann jemand kommt und sagt: Warum seid ihr denn diesem Hinweis nicht nachgegangen?

Hat dieser Streit dazu beigetragen, dass Sie und „Crimewatch“ sich nach mehr als zwei Jahrzehnten trennten?

Das war sicher nicht entscheidend, aber es war eine von mehreren Meinungsverschiedenheiten.

In einem Beitrag für den Londoner „Evening Standard“ haben Sie sich gerade zu dem Fall geäußert. „Ich bin sicher, dass die McCanns Maddy nicht umgebracht haben“, steht als Überschrift über Ihrem Text. Wie können Sie da so sicher sein?

Mir wäre eine andere Überschrift lieber gewesen, denn das war nicht mein Hauptanliegen. Ich wollte eher was in der Richtung, dass man die Polizei in Ruhe arbeiten lassen solle. Aber das gefiel dem zuständigen Redakteur nicht. Und ich sollte halt auch sagen, was ich über den Fall persönlich denke. Das war eher ein Nebenaspekt. Viel wichtiger ist mir, dass die Leute all den Meldungen zu dem Fall mit Skepsis begegnen. Mir macht Sorgen, dass sich wegen der vielen Spekulationen und vermeintlichen Enthüllungen aufgrund ungenannter Quellen ein Gefühl verbreitet, es sei ja nun über den Fall alles bekannt, weil das gesamte Beweismaterial ja offen vor uns liegt. Das stimmt nicht. In einem solchen Fall wissen zwei oder drei, vielleicht vier hochrangige Polizisten, was wirklich geschieht. Der Rest sind Leute, die höchstens hier und da mal was gehört haben.

Stimmt es denn, dass Sie nicht an eine Schuld der McCanns glauben?

Ich habe bislang jedenfalls keine Informationen, die mich von der Schuld der Eltern überzeugen.

Das Gespräch führte Markus Hesselmann.

Nick Ross, Journalist und Medienkritiker, ist mit „Crimewatch“ in Großbritannien so populär geworden wie Eduard Zimmermann mit dem „Aktenzeichen XY ... ungelöst“ in Deutschland.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben