Familiendrama : Dunkle Sonne

Johann Bergkamp, gespielt von Götz George, gehört zur älteren Generation. Als er pensioniert wird, bemüht er sich um engeren Kontakt zu seinen Kindern. Im Familiendrama "Meine fremde Tochter“, das zum Krimi wird, sucht ein Vater die Wahrheit.

Barbara Sichtermann
George Foto: Uwe Stratmann/WDR
Extrem labil. Johann Bergmann (Götz George) -Foto: Uwe Stratmann/WDR

Dass ein Vater eigentlich gar nicht recht weiß, was seine Kinder so treiben, war lange Zeit ganz normal. Heutzutage, wo die Ansprüche an Väter wachsen, ist es fast eine Schande. Johann Bergkamp aber, gespielt von Götz George, gehört zur älteren Generation. Er durfte seine Tochter Sophie, eine Polizistin, noch „Sonnenschein“ nennen, ohne groß zu fragen, was so in ihr vorgeht. Und er durfte Sohn Markus, einen Bildhauer, links liegen lassen und leise verachten, ohne sich ein Gewissen draus zu machen. Seine viele Arbeit in der Verwaltung hat ihn aufgefressen. Da sanken die Kinder – die Frau war längst gegangen – zur Nebensache herab.

Doch die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Verhältnisse. Bergkamp, auf dem Lande in der Eifel wohnhaft, ist pensioniert und einsam. Sophie (Nora von Waldstetten) heiratet. Markus (Alexander Scheer) geht seinen Weg als Künstler. Der Vater sucht engeren Kontakt zu den Kindern. Er fährt nach Köln, um Sophie zu besuchen. Als er die Wohnung betritt, stößt er auf einen Ermittler, der hier einen möglichen Tatort sichert. Sophie ist aus dem Fenster gestürzt. Der Schock wirft den alten Herrn aus der Bahn. Markus will helfen – vergebens. Die ewige Spannung zwischen Vater und Sohn lebt neu auf. Johann verletzt Markus, der keilt zurück. Kein Frieden, nirgends.

Bis hierher handelt es sich bei dem Film von Manfred Stelzer (Buch und Regie) um einen melodramatisch getönten Familienfilm, wie wir ihn öfter im Fernsehen haben. Doch jetzt geht es erst richtig los, und aus dem Familiendrama wird ein Krimi – ohne dass die Vater-Sohn-Konfliktlinie und die „Fremdheit“ der Tochter als Motive an Bedeutung verlören. Da ist Markus Stelzer eine schöne Einheit zweier Genres geglückt, die sich auch noch wechselseitig verstärken.

Vater Bergkamp spürt, dass etwas nicht stimmt. Seine Tochter soll Selbstmord verübt haben? Sie war nicht der Typ. Johann forscht nach und holt nun im Zeichen des Schmerzes um den Verlust all das nach, was er so lange versäumt hat. Er interessiert sich für das Leben seiner Tochter. Er versucht nachzuvollziehen, was wohl in ihr vorging, und nachzuholen, was er an Teilnahme zur rechten Zeit nicht aufbrachte. Und er lernt vor allem eins: Sein Sonnenschein hatte eine dunkle Seite, war so ganz anders, als sie ihn glauben machte und als er sie sehen wollte.

Es gibt in diesem gut komponierten Film mit der stimmigen Handlung mehr spannende Action, als Filme dieser Machart ihren Zuschauern üblicherweise gewähren. Und es ist sogar eine Spur komisch zuzuschauen, wie der von seiner detektivischen Arbeit ganz erfüllte Johann in einer psychiatrischen Anstalt landet, und wie er von dort wieder flüchtet. Sogar die zarte Liebesgeschichte, die sich zwischen ihm und einer Schauspielerin (Ingeborg Westphal) entspinnt, ist – ganz anders als sonst der TV-Herzschmerz von Senioren – reizvoll und glaubwürdig.

Johann gerät schließlich selbst in Mordverdacht, und er hätte wohl kaum rausgefunden aus den Schlingen, in denen er sich verfangen hat, wenn nicht Sohn Markus – von Alexander Scheer wunderbar gradlinig angelegt – ihm rechtzeitig und schlau und mutig zur Seite gestanden hätte. Dass sich Vater und Sohn jetzt über dem Grab der Tochter/Schwester aussöhnen, und zwar mehr durch Taten als durch Worte, das hätte aufgesetzt und gewollt wirken können. Aber hier, in Stelzers Buch, ist es eine fast logische Konsequenz. Und es gibt diesem Film, in dem Moll-Töne und dunkle emotionale Farben überwiegen, einen tröstlichen Schluss.

„Meine fremde Tochter“, ARD, um 20 Uhr 15

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