Familienzeitschriften : Der bewegte Vater

Sind wir noch "Eltern" oder doch schon "Nido"? Familienzeitschriften und ihre Lust auf neue Rollen

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Väter werden in Familien und bei den einschlägigen Zeitschriften immer präsenter.
Väter werden in Familien und bei den einschlägigen Zeitschriften immer präsenter.Foto: ddp

Dieses Erkenntnisinteresse scheint besonders groß zu sein. Rund um die Themen Elternschaft, Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburt, Erziehung, Betreuung und Ernährung gibt es an die 20 Zeitschriften in Deutschland. Allen voran „Eltern“, der jüngst relaunchte Klassiker von Gruner + Jahr und natürlich – „Nido“, die Zeitschrift mit dem seltsamen Namen. Der Titel aus demselben Hause ist offenbar so begehrt, dass ihn der Hamburger Verlag fortan vierwöchentlich an den Kiosk bringen will. Dazu noch gefühlt monatlich zwei Dutzend Neuerscheinungen am Büchermarkt, die sich mit dem Elternsein als solchem beschäftigen, gerne auch mit dem Phänomen junge und späte Vater, gerne auch in und aus Szenebezirken wie Berlin-Pankow, sprich Prenzlauer Berg. Dort gehört Kinderwagenschieben zum guten Ton wie der Latte Macchiato, zwischen Party und Pampers sozusagen.

Viel Zielgruppe. Viel Beratungsbedarf. Teils alte Fragen, immer wieder neu gestellt. Wie wird die weibliche Haut nach der Geburt wieder straff? Wie lassen sich drei Kinder mit zwei Jobs vereinbaren? Wie sollten Paare mit gemeinsamem Geld umgehen? Darauf geht unter anderem das aktuelle „Eltern“-Heft ein. Oder: Warum gibt es weiter so wenig Kinderkrippenplätze? Warum halten Familienhotels nur bedingt, was sie versprechen? Das will „Nido“ wissen. Das geht all diejenigen etwas an, die sich auf das Abenteuer Kind eingelassen haben und dabei nicht nur der Intuition oder den Ratschlägen der Oma vertrauen. Bei aller Liebe – meist stammen die Tipps ja aus der Zeit, als „Eltern“ startete, aus den 60er Jahren.

Damals kam „Eltern“ eine besondere Rolle in der Diskussion um neue Erziehungsstile und Pädagogik zu. Die Zeiten haben sich offenbar geändert. Zwar meldet „Eltern“meldet fürs erste Quartal dieses Jahres 331 175 verkaufte Exemplare, das sind 2,4 Prozent mehr als im gleichen Quartal 2009. Allerdings hatte die Zeitschrift im letzten Quartal 2009 vergleichsweise stark an Auflage verloren. Auch deswegen dürfte ihr Chefredakteurin Marie-Luise Lewicki einen neuen Anstrich verpasst haben: „Jetzt heißt der gesellschaftliche Trend: Familie wird offener, Familienformen werden vielfältiger, die Väter spielen dank Elterngeld und Vätermonaten eine größere Rolle.“ Und lässt „Eltern“-Autor Philip Reichardt in der Titelgeschichte derart herzergreifend über die plötzliche Liebe zum Kind erzählen, dass Nichtväter nach der Lektüre in tiefe Depression verfallen dürften. „Jetzt bin ich Mitte vierzig und endlich Vater (…) Ich gehe so früh ins Bett wie nie zuvor (…) Ins Kino schaffte ich es seither genau einmal. Dafür kenne ich mich inzwischen in Drogeriemärkten aus.“ Das Beste daran sei die Gewissheit, etwas ganz und gar Richtiges zu tun. „Es ist, als hätte sich das Leben um eine bislang nicht zugängliche Dimension erweitert.“

Zugegeben, so oder so ähnlich steht das mittlerweile in jedem zweiten Zeitgeist- oder Männer-Magazin. Aber das geht guten Sportgeschichten ja genauso. Wenn sich bei „Eltern“ jetzt noch das 20-seitige „Lösungen-Buch“ (mit Gründen für die Bauchlage und Style-Guide für den Kreißsaal) in der Heftmitte herausnehmen ließe, dann machte der Spontaneinkauf mit Kinderwagen am Kiosk schon Sinn. „Nido“, jene laut Eigenwerbung erste Familienzeitschrift, „die sich um die vielfältigen Interessen moderner Eltern kümmert“, kommt verglichen damit immer noch eher als Reportage-Magazin daher, trotz vieler Info-Elemente. Wobei die Frage erlaubt ist, ob sich bei der Ansprache „moderne Eltern“ überhaupt jemand ausgeschlossen fühlt. Nach zwei recht erfolgreichen Ausgaben 2009 erscheint „Nido“ nun monatlich, geführt von den Chefredakteuren Timm Klotzek und Michael Ebert. Klotzek, 37, einst Redaktionsleiter des Jugendmagazins „jetzt“, danach Chef vom „stern“-Ableger „Neon“, wird wohl wissen, was „moderne Eltern“ wollen. Er ist selbst mehrfacher Vater.

Genauso wie Tomi Ungerer. Das herb-ernüchternde Interview mit dem krebskranken Kinderbuchautor hebt sich im Mai-Heft hervor: „Entmännlichung ist der notwendige Preis, den ein guter und glücklich verheirateter Vater zu zahlen hat.“ Auch bei „Nido“ also die zentrale Frage: „Bin ich ein guter Vater?“ Die Antwort erfolgt im Juni-Heft. In der aktuellen Ausgabe ringt die hübsche Frau eines Fotografen mit Selbstzweifeln: „Bin ich eine gute Mutter?“ Diese Frage wird in keiner Generation so oft gestellt wird wie in der jetzigen, postfeministischen. Wobei das mit dem Postfeminismus so eine Sache ist. Die Frau des Fotografen ist vorzugsweise nackt abgebildet. Gut, Männer, genauer, Väter, sollen diese Story ja auch lesen, vor allem die Pointe. „Müde, liebevoll, sexy – Mütter können alles auf einmal sein, sogar ohne es selbst zu bemerken“. Selbstzweifel seien das Letzte, was Mütter gebrauchen können. Wo „Nido“ recht hat, hat es recht. Apropos, „Nido“ bedeutet so viel wie „Nest“ – auf italienisch. Passend zum Macchiato.

Fazit also: „Nido“ oder „Eltern“? Sagen wir mal so, Bauchlagetipps hin, Vätermonate-Reportagen her, perfekte Eltern hier, schlechte Gewissen dort – man kann sich, statt der knappen Stunde Lektüre, auch näher mit seinem Kind beschäftigen.

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