Medien : "FAS": Ganz schön bunt hier

Ulrike Simon

"Es ist eines der wichtigsten publizistischen Unternehmen der letzten Jahrzehnte", sagte "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher am Mittwoch, bei der Vorstellung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS), überaus selbstbewusst. Am 30. September startet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ihre national verbreitete Sonntagsausgabe. Sie löst die bisherige "Rhein-Main-Zeitung" ab, die seit zwölf Jahren jährlich 13 bis 15 Millionen Mark Verluste einbrachte und aufgrund des regionalen Anzeigenmarktes und Verbreitungsgebietes auch keine Aussicht auf schwarze Zahlen hatte. In Konkurrenz zur Sonntagssausgabe des Tagesspiegel, der an diesem Sonntag in deutlich erweiterter Aufmachung erscheinen wird, und der Springer-Zeitung "Welt am Sonntag" tritt die "FAS" mit rund 600 000 gedruckten Exemplaren an. Bei einem Einzelpreis von vier Mark muss das neue Blatt pro Ausgabe 230 000 bis 250 000 Exemplare verkaufen, um in fünf Jahren wirtschaftlich arbeiten zu können. Die Auflagenwünsche, das wurde bei der Präsentation in Frankfurt/Main deutlich, bewegen sich allerdings in einem höheren Bereich.

Wer sich mit der museal wirkenden, in jüngster Zeit aber immer mal wieder überraschenden "FAZ" nicht anfreunden mochte, könnte durchaus Gefallen finden an der neuen "FAS", die mit ihrem Auftritt nur wenig mit der werktäglichen Traditionszeitung zu tun hat. Das Sonntagsblatt ist durchgehend vierfarbig gedruckt und erinnert mit ihrer Gestaltung ein wenig an die "Berliner Zeitung" - was nicht wundert, wenn man weiß, dass der "FAS"-Zeitungsdesigner Lukas Kircher auch an der Gestaltung der "Berliner Zeitung" beteiligt war. Für die werktägliche "FAZ" (noch) undenkbar, prangt auf der Seite 1 der "FAS" stets ein großes Farbfoto. Großzügige Optik, zum Teil übergroße Fotos, bunte Elemente, eine ganze Comicseite am Ende des Feuilletons-Buchs und Infografiken, die (in der Wissenschaft) bis zu einer Doppelseite einnehmen, prägen das Blatt. Der Sport als Verkaufsargument für den Sonntag genießt hohen Stellenwert. Neu und ungewohnt für die "FAZ"-Macher ist der Einsatz von Reportagen und szenischen Text-Einstiegen. Die Zeitung soll dem Leser nach Angaben von Schirrmacher "Unterhaltung und Information, Verlässlichkeit und Entspannung" bieten. Die "FAS" sei zwar kein "publizistisches Spielzeug", betonte Schirrmacher. Aber immerhin ein Platz "zum Experimentieren": Denn "wir wissen, dass der Sonntag zwischen zehn und 13 Uhr eine Zeit ist, in der es sehr viel Energie und Einfallsreichtum verlangt, um die Menschen zu erreichen."

Beeinträchtigt durch die aktuellen Ereignisse in den USA und deren Folgen wird es der "FAS" schwer fallen, zum Start am übernächsten Sonntag viel Unterhaltsames und Spielerisches zu bieten. Aber es geht auch um die Information, die die "FAS" bieten will. Folgte man Schirrmachers Erläuterungen, dachte man unweigerlich an Herlinde Koelbls Film "Die Meute", in dem gesagt wurde, die größte Chance auf Abdruck finden Meldungen, die am Sonntagvormittag über die Agenturen gehen. Schirrmacher sagte: Bislang habe sich der Sonntag auch dadurch ausgezeichnet, dass "Exklusives" gemeldet wurde, das oft nicht stimmte, "halbseiden" oder "aufgebauscht" war und dennoch den Weg in die "Tagesschau" fand. Der journalistische Anspruch erhöhe sich also durch einen weiteren ernst zu nehmenden Wettbewerber am Sonntag.

Man wolle schließlich "kein Massenprodukt" sein, "sondern eine Qualitätszeitung", sagte der Vorsitzende der FAZ-Geschäftsführung, Jochen Becker, und spielte damit auf die Publikationen des Axel Springer Verlages an, über dessen verbale Angriffe und Hinderungsversuche beim Aufbau der Vertriebslogistik er sich in der Vorbereitungsphase der "FAS" mehr als nur gewundert zu haben scheint. Er sagte: "Wir sind weder dünnhäutig noch boshaft, wir haben keinen Rechtfertigungsdruck, und wir wollen nicht boxen. Wir wollen einfach nur eine gute Zeitung machen und verbreiten. Wir sehen uns nicht als Wilderer im Springer-Revier." Deutschland sei "trotz der hohen Auflagen der Springer-Zeitungen ein dünn besiedelter Markt".

Von der Redaktion, die durch Abwerbungen um rund 50 Leute verstärkt wurde beziehungsweise noch verstärkt wird, erfordert die "FAS" dabei einen nicht zu unterschätzenden Umgewöhnungsprozess. Manchen "Neuen", die wegen der "FAS" geholt wurden, ist mittlerweile klar geworden, dass ein Teil ihrer Energie nicht nur in ihre journalistische Arbeit, sondern ins "Aufmischen" der "alten" Redaktion und den internen Konkurrenzdruck fließen wird. Zwar betonte Schirrmacher, alle Konzentration widme sich der "FAS". Aber natürlich soll sich auch die werktägliche Traditions-"FAZ" langfristig verändern, erneuern, modernisieren.

200 000 der 280 000 "FAZ"-Abonnenten bekommen laut Jochen Becker die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" ab 30. September ins Haus geliefert. Sie sind über die Vertriebslogistik erreichbar. In den ersten vier Wochen erhalten die "FAZ"-Abonnenten die "FAS" kostenlos, danach kann die Sonntagsausgabe zusätzlich bezogen werden. Gerade um neue Leser zu gewinnen, gibt es auch ein gesondertes "FAS"-Abonnement für 17 Mark. Die Leser im Rhein-Main-Gebiet und in München finden zudem einen eigenen Regionalteil. In Berlin lässt er auf sich warten, ist aber geplant. Bis dahin gibt es nur werktäglich die "Berliner Seiten" der "FAZ".

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