Fauxpas de deux : Grand-Plié in Grosny

Mitglieder des MDR-Balletts tanzen bei der Geburtstagsfeier für Tschetscheniens Machthaber Ramsan Kadyrow. Der Sender bedauert und spricht von "großem Schaden".

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Hoch die Tassen, hoch das Bein. Sechs Mitglieder des MDR-Fernsehballetts amüsierten Gäste und Gastgeber bei der Party von Ramsan Kadyrow. Foto: MDR
Hoch die Tassen, hoch das Bein. Sechs Mitglieder des MDR-Fernsehballetts amüsierten Gäste und Gastgeber bei der Party von Ramsan...Foto: MDR/Winkler

„Der MDR bedauert, dass vier Damen und zwei Herren der MDR Deutsches Fernsehballett GmbH am 5. Oktober in Grosny anlässlich einer Gala aufgetreten sind.“ Dieser Auftritt habe dem Ballett, seinen Gesellschaftern und dem Mitteldeutschen Rundfunk in der Öffentlichkeit großen Schaden zugefügt, heißt es in einer Pressemitteilung vom Montag. Gastgeber in Grosny war der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow. Der lädt sich zu Spiel und Spaß gerne Gäste aus Deutschland ein. Im März 2011 passte und grätschte Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus an der Seite von Kadyrow in einer tschetschenischen Auswahl gegen eine Elf brasilianischer Fußballstars.

Am Wochenende wurde nun bekannt, dass Mitglieder des MDR-Fernsehballetts an der Geburtstagsfeier des Republikchefs beteiligt waren. Nach Senderangaben sind die sechs Mitglieder über eine externe Agentur als Umrahmung für einen zwanzigminütigen Auftritt eines Zauberkünstlers gebucht worden. Das marktübliche Honorar habe sich im mittleren vierstelligen Bereich bewegt.

Der kremltreue Präsident Kadyrow hat im Westen einen zweifelhaften Ruf. Menschenrechtler werfen dem Machthaber Folterungen, Vergewaltigungen und Verschleppungen vor. Auftritte mit dem Gewaltherrscher haben eine politische Dimension, die zu erkennen Fußballern und Künstlern auf den ersten Blick nicht gegeben ist. Matthäus hatte gesagt, er habe kein Problem, mit Kadyrow zu spielen. Fußball habe mit Politik nichts zu tun. Das sahen auch die übrigen Altstars so, unter ihnen der Ex-Bayern-Spieler Giovane Elber. Ihre Sache.

Eine andere Sache ist es, ob Mitglieder des Fernsehballetts des Mitteldeutschen Rundfunks die Geburtstagsfeier eines Gewaltherrschers verschönern müssen. Der gebührenfinanzierte ARD-Sender ist mit 40 Prozent über seine Tochtergesellschaft Drefa Media Holding der größte Gesellschafter der Deutschen Fernsehballett GmbH. Das Management und die Künstler sind zwar keine Angestellten des Senders, sie alle sind mit ihren künstlerischen Leistungen frei am Markt tätig, trotzdem sind die Verbindungen zum Sender sehr eng. Der MDR hat nun die Drefa Media Holding aufgefordert, „Konsequenzen zu beraten“. Auch soll die Geschäftsführung des Balletts künftig intensiver prüfen, „um welche Veranstaltung es sich handelt und wer letztlich der Veranstalter ist“.

Offizieller Anlass der Party an Kadyrows 35. Geburtstag war der „Tag der Stadt Grosny“. Dabei waren unter anderen die Schauspieler Hilary Swank und Jean-Claude van Damme sowie die britische Geigerin Vanessa Mae. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisierte sie für ihre Auftritte. Die Oscar-Preisträgerin Swank bereute inzwischen ihre Teilnahme, wahrscheinlich dachte sie, wo Ramsan Kadyrow ist, da ist Benefiz. Was das Fernsehballett dachte, ist unbekannt.

Der Auftritt von Mitgliedern des MDR-Fernsehballetts wird ein Nachspiel im Bundestag haben. Der Vorsitzende des Bundestags-Ausschusses für Menschenrechte, Tom Koenigs (Grüne), kündigte in der „Mitteldeutschen Zeitung“ an, die Darbietungen zu Ehren des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow in dem Gremium zur Sprache zu bringen. „Die sind von allen guten Geistern verlassen“, sagte Koenigs. „Der Mitteldeutsche Rundfunk ist eine öffentliche Anstalt, die eine gewisse Verantwortung hat.“ Koenigs kündigte an, er wolle „der Sache nachgehen“. Joachim Huber

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