Medien : FAZ-Business-Radio: Für die, die nicht lesen können

Jochen Meissner

Die Aufgabe, vor der die Macher des neuen Berliner Business-Radios "FAZ 93.6" stehen, ist kompliziert. Sie wollen nämlich ein wirtschaftsdominiertes Radio machen, das Nikkei, Dax und Dow Jones annährend in Echtzeit abbildet und dabei trotzdem das komplexe Geflecht des Wirtschaftssystems verständlich erläutern kann. Deshalb will man sich zunächst vorsichtig auf eine Zielgruppe beschränken: auf die 25- bis 49-Jährigen, die ein Jahreseinkommen von über 120 000 Mark beziehen. Aber auch die Anhänger der neuen Aktienkultur, die gerade von den Turbulenzen des EM.TV-Kurses gebeutelt werden, dürfen zuhören. Selbst künftige Rentenbescheidsempfänger können sich von Experten beraten lassen. Die Hörerschar muss in der Summe ja möglichst groß sein, ansonsten die Station nicht in die Media-Analyse kommt, um seine Werbezeiten angemessen zu vermarkten. Und die Werbung soll irgendwann einmal den Sender finanzieren.

Das "FAZ Business-Radio" versteht sich nicht unbedingt als Radio gewordene Zeitung. Eher sucht man die Nähe zum Fernsehen und versucht mit einer möglichst kleinteiligen und dabei manchmal redundant wirkenden Struktur so viele Informationen wie möglich zu transportieren. Das Sprechtempo ist hoch, die Stimmen sind forciert, denn für die Wirtschafts-News vor den eigentlichen Nachrichten aus Politik, Kultur und Sport stehen nur zwei Minuten zur Verfügung. Mehr als fünf Meldungen über Umsatzprognosen, Gewinnerwartungen und ähnliches passen selten rein. Die Hektik setzt sich in den Börsen-Updates nach den Nachrichten fort. Beim FAZ-Radio scheint man darunter zu leiden, dass man diese Informationen nicht wie im Fernsehen parallel per Laufband übertragen kann, weshalb man es mit akustischen Eselsbrücken - Jingles, Hintergrundmusik - zu simulieren versucht. Das macht das kontinuierliche Hören etwas anstrengend. Die wenigen Ruheinseln sind die maximal neunminütigen Hintergrundberichte und Expertengespräche, die den eigentlichen Mehrwert der journalistischen Aufbereitung - gegenüber den Rohdaten von der Börse - ausmachen sollen. Allerdings fallen sie nicht nur im Tempo, sondern bisweilen auch im Niveau hinter das übrige Programm zurück. Es muss hier auch nicht immer um Wirtschaft im engeren Sinne gehen. Diskutiert wird über Sport, Politik und Lokales. Aber dann kommen schon wieder die Serviceblöcke von Wetter und Verkehr in einer Mischung aus verkrampfter Lockerheit und offensiv guter Laune, die offensichtlich in allen Lizenzverträgen für den privaten Rundfunk steht.

Möglicherweise findet das "FAZ-Business-Radio", das selbst die Tendenzen der Börsen in Istanbul und Kopenhagen nicht unterdrückt, seine Marktlücke. Auch Volksaktionäre von Telekom bis Infineon könnte die Station für sich gewinnen. Für die Hintergründe braucht der Nutzer aber weiterhin ein Print-, für Echtzeitkurse ein Onlinemedium. Vielleicht bleibt für das "FAZ-Business-Radio" auch nur jene Zielgruppe, die die Lyriker von der Werbeagentur Scholz & Friends mit ihrem saloppen Slogan im Auge hatten: "Jetzt erreichen Sie auch Manager, die nicht lesen können."

Falls es mit dem Business-Radio nicht klappen sollte, kann man sich ja weiterhin am Fernsehen orientieren: noch gibt es keinen Shopping-Kanal im Radio.

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