Medien : Feindschaft, all inclusive

Die Predigten des Imams Fazazi als radikal ästhetische „Hamburger Lektionen“

Caroline Fetscher

Feinde lauern überall, im Weltbild von Imam Mohammed Fazazi. Selbst arabischsprachige Fernsehkanäle, die man über Satellit in Deutschland empfangen kann, seien „schlecht“, hat er gesagt. Schlecht sogar dann, wenn sie aus Saudi-Arabien senden und vorgeben, religiös zu sein. Gut sei es zwar, wenn solche Sender zentrale Fragen der islamischen Rechtslehre diskutierten, etwa, ob Frauen während ihrer Periode den Koran berühren dürfen, das heilige Buch. Schlecht sei jedoch von vornherein, dass diese Medien allesamt vom Westen beeinflusst sind, von einer Phalanx der Ungläubigen auf der Welt.

Mohammed Fazazi, der inzwischen in seinem Herkunftsland Marokko wegen seiner Hasspredigten zu dreißig Jahren Haft verurteilt wurde, predigte im Jahr 2000 zu Gläubigen in der Hamburger Al-Quds-Moschee, darunter drei der Attentäter des 11. September 2001. Damals wurden zwei seiner Auftritte im Gotteshaus per Video aufgezeichnet. Für seinen Film „Hamburger Lektionen“ verwendet der Regisseur Romuald Karmakar diese Reden als puren Textextrakt. In schwarzem Anzug und vor grauem Hintergrund sitzt ein Mann auf einem Schemel, er liest redlich und klar von einem Blatt ab. Wort für Wort, nur gelegentlich kurz unterbrochen von Übersetzungen arabischer und religiöser Begriffe, hält sich der Schauspieler Manfred Zapatka an die Transkription des originalen Fazazi-Textes. Er liest vollendet neutral, ohne Kommentare und ohne das Hinzufügen von Emotion, zwei Stunden lang. Weiter geschieht nichts. Doch dabei entfalten der hermetische Irrwitz und der klaustrophobe Charakter dieser Reden ihre Wirkung.

Von Brechts Mittel der Verfremdung, dem frühen Vorbild dieser Technik, macht Karmakar auf die minimalistischste und intensivste Weise Gebrauch. In diesem ästhetisch radikal reduzierten Film über einen radikalen Fundamentalisten lenkt nichts vom Gesprochenen ab, und doch wird er zum Monodram und weist über das Dokumentarische hinaus. Romuald Karmakar, geboren 1965 in Wiesbaden mit französischer Mutter und iranischem Vater, wurde beeinflusst von der „Super-8-Bewegung“, stellt sich dem Ungeheuerlichsten („Der Totmacher“, „Das Himmler Projekt“) und findet es faszinierend, „wenn Sprache Kondensat wird“.

Fazazi, der übrigens in Deutschland für seine Hasspredigten nie verurteilt wurde, eignet sich dafür hervorragend. In lyrischen Volten treibt er die Zuhörer um die halbe Welt, auf der griechische Logik, westlicher Kolonialismus, falsche Auslegung des Koran, Heuchler und Gottesleugner, Demokraten und Menschenrechtler, die Nato und Europa Unheil stiften und Muslime verfolgen, während im Kampf um den Sieg des Islam vieles erlaubt ist. Darf ein Muslim in einer Drogerie in Europa eine Tube Zahnpasta stehlen, da doch der Laden einem Ungläubigen gehört? Eigentlich ja, meint der Imam. Doch lieber nicht, denn wird er erwischt, dann schadet das dem Ruf des Islam. Wenn schon stehlen, dann lieber eine Bank ausrauben, um dem Dschihad Finanzströme zukommen zu lassen. Frauen und Kinder gelten als Kriegsbeute, was nicht heißt, dass ein Araber, „der hier in Hamburg herumläuft“, einfach eine blonde, junge Frau abschleppen dürfe, mit dem Argument, das sei Kriegsbeute. „Dann bin ich nicht schuld!“ beharrt der Imam. Telefonkarten manipulieren, um mit islamischen Lehrern zu telefonieren, das wiederum geht in Ordnung. Denn alles hat der Westen den islamischen Ländern geraubt: „Gold, Bodenschätze, Erdöl, Phosphat, Sardinen, Tomaten, Pfeffer, Orangen“. Außerdem: „Sie nahmen sich auch die besten Köpfe unter den Arabern und Muslimen und sie wuschen ihre Gehirne!“

Ein toxischer Cocktail aus Paranoia, Hybris und Verzweiflung wird, gerade durch die Reduktion von Karmakars Inszenierung, in all seiner Gespenstigkeit deutlich vorgeführt.

„Hamburger Lektionen“, Arte, 21 Uhr

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