Fernseh-Film : Lahme Organräuber

Pro Sieben zeigt ein dürftiges Remake von „Fleisch“, dem 70er-Jahre-Klassiker von Rainer Erler. Die Spannung will sich nur begrenzt einstellen.

Thomas Gehringer
201406_0_45ede8f5 Foto: Pro7
Bekanntes Motiv, neue Darstellerin: Theresa Scholze als Marisa. -Foto: Pro7

Ein verliebtes junges Paar hat sich in einem abgelegenen Motel einquartiert. Doch statt Urlaub erlebt es Horror pur. Sanitäter kidnappen den Mann, die Frau kann, bis aufs letzte Hemd beraubt, fliehen. Dass die Besatzung eines Rettungswagens hinter Menschen herjagt, nicht um sie zu retten, sondern sie um ihre Organe zu erleichtern, das war 1979 eine düstere Zukunftsvision und im Fernsehen ein veritabler Aufreger. Der Ausstrahlung im ZDF gingen Proteste von Ärzten voraus. Der bayerische Regisseur und Autor Rainer Erler nannte „Fleisch“, der in über 120 Ländern im Kino zu sehen war, seinen erfolgreichsten Film.

Erler, heute 74 Jahre alt, erregte in den siebziger und achtziger Jahren mit „Science Thrillern“ wie „Fleisch“, „Plutonium“ oder der TV-Reihe „Das Blaue Palais“ in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit. Und manche Szene darf man wohl zu den Klassikern zählen: zum Beispiel die nervenaufreibende Flucht der jungen Jutta Speidel vor einem Rettungswagen.

Im Jahr 2008 rennt Theresa Scholze vor den skrupellosen Weißkitteln davon. Und die Besetzung mit der 27-jährigen Brandenburgerin („Der letzte Zeuge“, „Ein Engel für Amor“) ist schon das Beste, was sich über „Fleisch“ sagen lässt. Die Idee von Pro Sieben, Remakes berühmter Fernsehfilme in Auftrag zu geben, hat bisher nichts hervorgebracht, was nachhaltig in Erinnerung bleiben dürfte. „Die Schatzinsel“ war im vergangenen Jahr zu einer starbesetzten Räuberpistole verkommen. „Fleisch“ ist ein mittelmäßiger Actionthriller, den auch der beeindruckende Dauerlauf der knapp bekleideten Theresa Scholze nicht retten kann. Trübe Aussichten also für das geplante Remake des Antikriegsfilms „Die Brücke“.

Rainer Erlers hellsichtiges Szenario von Organisationen, die Menschen um des Profits willen buchstäblich ausschlachten, ist keine Vision mehr. Über Fälle illegalen Organhandels wird immer wieder berichtet, Opfer sind allerdings nicht weiße Touristen, sondern meist Menschen in der Dritten Welt. Was 1979 noch unvorstellbar schien, ist im Grundsatz nun traurige Realität, die bereits in Fernsehfilmen wie dem SWR-„Tatort: Leyla“ und dem Familiendrama „Die Entscheidung“ (ZDF) aufgegriffen wurde. Somit ist der Filmstoff zwar seiner ursprünglichen Schockwirkung beraubt, aber erschreckend genug ist das Thema auch 30 Jahre später noch. Erler hatte seine Geschichte in den USA spielen lassen, Drehbuchautor Thomas Gaschler und der in Kapstadt aufgewachsene Regisseur und Grimme-Preisträger Oliver Schmitz („Türkisch für Anfänger“) halten sich weitgehend an die Grundstruktur, haben die Handlung aber nach Südafrika verlegt.

Nachdem Frank (Sebastian Ströbel) entführt wurde, kann sich Marisa (Theresa Scholze) in den klapprigen Wagen eines schwarzen Paars flüchten, das sie mit in das Wellblech-Meer eines Townships nimmt. Hier findet sie in Biko (Tony Kgoroge) einen Helfer, dessen Sohn nach einem Unfall spurlos verschwunden war. Gemeinsam mit Biko und seinen Kumpels aus dem Armen-Ghetto nimmt Marisa den Kampf gegen die Organisation auf, die Organe für reiche weiße Patienten beschafft.

Den Stoff um soziale Aspekte zu erweitern, erscheint durchaus zeitgemäß. Als „mutigen Film“, „spannend und clever umgesetzt“, bezeichnet Rainer Erler das Remake und erweist sich damit als bemerkenswert altersmilde. Denn Spannung will sich nur begrenzt einstellen, zu dürftig und in vielen Details unglaubwürdig ist die Inszenierung. Mag ja sein, dass man in höchster Lebensgefahr einen Killer auch mit einem gezielten Klapperschlangenwurf bekämpfen kann. Dass die Besitzerin des obskuren Motels, eine ältere Dame, die flüchtige Marisa zu Fuß schneller einholt als die vermeintlichen Sanitäter im Rettungswagen, erscheint jedoch ein bisschen sehr gewagt.

Solche Ungereimtheiten gibt es in dem Remake erschreckend häufig. Dialoge und Figuren sind einfach gestrickt. Die teuflische Klinik wird von tumbem Personal und einer einzigen Schranke gesichert, lässt sich also dank einiger haarsträubender Zufälle ohne Weiteres kapern. Um mit Tempo und Tiefgang der besten Gegenwartskrimis mithalten zu können, wäre mehr Sorgfalt erforderlich gewesen. Den Sprung von 1979 nach heute hat „Fleisch“ in dieser Version nicht geschafft.

„Fleisch“, Pro Sieben, Montag, um 20 Uhr 15

0 Kommentare

Neuester Kommentar