Fernseh-Shows : Zeigt her eure Karten!

Von „Anne Will“ bis „Zimmer frei“: Warum es sich für den Zuschauer immer lohnt, im Studio live dabei zu sein.

Markus Ehrenberg
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Im Januar 1998 stürmten bei der Sat1-Talkshow „Talk im Turm“ im Berliner Hotel Intercontinental eine Gruppe von Zuschauern, es waren Studenten, die Bühne und ketteten sich mit Handschellen an den Stuhl von Moderator Erich Böhme. Sie verlangten vor laufenden Kameras statt des vorgesehenen Themas Prostitution und Kriminalität eine sofortige Debatte zur Massenarbeitslosigkeit. Böhme wechselte den Stuhl und versprach, in der nächsten Sendung einen von ihnen ausgewählten Vertreter einzuladen, der es sich dann nicht nehmen ließ, sein Hinterteil zu entblößen. An diesen Grad der Unterhaltung könnte sich manche Talkshow ein Beispiel nehmen, sicher auch heute Abend bei den beiden großen Jahresrückblicken (siehe Text rechts). Was Krawall oder Normverstöße von Studiozuschauern betrifft, blieb die Geschichte bei Altmeister Böhme ein Einzelfall. Vielleicht hat das auch was mit der Konditionierung der Spezies Fernsehzuschauer zu tun.



Bildschirmgeriesel und Wirklichkeit

Normalerweise findet sich der Zuschauer vereinzelt wieder, getrennt von der Masse des Publikums, in privater Umgebung. Wie anders sieht die Sache in TV-Studios aus. Wer jemals live bei „Zimmer frei!“, „Harald Schmidt“, „Wetten, dass?“ oder „Anne Will“ war, der weiß, wie die große, weite Welt des Fernsehens zusammenschrumpfen kann auf ein paar Quadratmeter Bühne mit Sitztreppe, auf einen geregelten Ablauf, der Zuschauern vorschreibt, wann sie zu klatschen haben. Dennoch, es schwingt da etwas Größeres mit, als einer von 150 oder 200 Besuchern im Studio: vorne die prominenten Gäste, das Wissen um eine von Millionen gesehene Sendung, eine geänderte Identität oder zumindest mal ein betroffenes Gesicht, wenn die Kamera einen erfasst.

Die Tickets – teurer als eine Kinokarte

Wer das bei seinem Lieblings-Talk einmal selbst ausprobieren will, sollte sich den Kalender herauslegen. Zuschauer-Wartezeiten bis zu einem Jahr wie bei „Blickpunkt Sport“ im Bayrischen Fernsehen sind keine Seltenheit. Beim „Aktuellen Sport Studio“ muss man sich im September für das Folgejahr anmelden, hier wie auch bei den meisten anderen Formaten über die jeweilige Website im Internet. Laut ZDF-Zuschauerservice sind bereits nach den ersten drei Tagen sämtliche Termine bis Mai weg. Die Karten kosten 15 Euro, dazu kommen Anreise nach Mainz und Hotel. Tickets für den Polittalk „Anne Will“ aus Berlin-Adlershof werden für zwölf Euro über eine Agentur im Netz verkauft. Auch ein Besuch der WDR-Unterhaltungssendung „Zimmer frei!“ ist mit zehn Euro teurer als eine Kinokarte, Getränke inbegriffen. Immerhin: Frank Plasberg in „Hart aber fair“ gibt es dagegen genauso umsonst wie den Fußball-Stammtisch „Doppelpass“ aus dem Münchner Hotel Kempinski, immer sonntags im DSF.

Die Frau hinter Wontorra

Dort lässt sich auch am besten beobachten, was für das Phänomen Studio-Zuschauer und für die allermeisten Talkshows gilt, nicht nur im Privatfernsehen. Attraktive Zuschauerinnen werden gerne als Kamera-Blickfang in der ersten Reihe platziert, hinter den prominenten Gästen; wie im „Doppelpass“, wo die schönste Frau meistens direkt hinter dem Moderator Jörg Wontorra sitzt. Absicht sei das nicht, versichert ein DSF-Sprecher, geplant nur dies: Kinder sollen beim Fußballerstammtisch „on air“ nicht in die Nähe von Bierwerbung gebracht werden.

Merkel und Madonna unplugged

Man muss das wohl glauben. Und mitmachen. Genauso wie die Männergruppen, Sportvereine und freudetrunkenen Fans in vereinsfarbenen Shirts – die typischen „Doppelpass“-Besucher im Deutschen Sport Fernsehen. Mit deren eher lässigen Kleidung hätten andere Talk-Caster Probleme. „Wir bitten um elegant-legeres Erscheinen, keine Handys und Jacken im Studio“, heißt es auf der Agenturseite für „Anne-Will“-Tickets. Um „geeignete Garderobe“ werden Zuschauer bei „Zimmer frei!“ gebeten. Wie diese konkret aussehen soll, sagt Björn Esser vom Kölner Casting Concept nicht: „Wir führen ja keinen vor. Handwerkskleidung geht natürlich nicht. Mittelschichtsklamotten eben, wie für den Theaterbesuch.“ Oder für die Uni. Studentenkrawalle à la „Talk im Turm“ werden beim Polittalk offenbar nicht mehr erwartet. Kommt beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel zu „Anne Will“, werden die Zuschauer nichts besonders vorausgewählt.

Oder doch lieber zu Hause bleiben?

Erstaunlicherweise haben es die Sender angesichts von Finanzkrise und alternativen Unterhaltungsangeboten nicht schwer, Zuschauer in ihre Talks zu bekommen. Die Nachfrage sei gleichbleibend auf hohem Niveau, heißt es überall. Die Interaktivität bleibt freilich zumeist auf Beifalls- oder Abneigungsbekundungen beschränkt. Wenn es gut geht, darf man im „Sportstudio“ an die Torwand schießen oder als Zuschauer die Daumen senken, wie bei den beliebten Shows „Wer wird Millionär?“ (RTL) und „Zimmer frei!“.

Eine Show – zwei Wahrnehmungen

Von wegen globales Dorf. Das Medium ist die Botschaft. Und während daheim einfach mal weiter gezappt wird, denkt der Studiobesucher über die nächtliche Rückkehr aus Köln-Hürth, Berlin-Adlershof oder vom Mainzer Lerchenberg nach. Immerhin, es gibt im Fernsehstudio unbeobachtete Momente hinter und vor den Kameras. Anders bei zwei britischen Kinobetreibern, die in zahlreichen Sälen Überwachungssysteme installiert haben. Deren einzige Aufgabe besteht darin, die Zuschauer im Laufe der Vorstellungen kontinuierlich zu filmen. Als Begründung geben die Unternehmen an, das Personal habe das Zuschauerverhalten besser im Blick. Es ließen sich so „Verbrechen verhindern“. Oder Ketten bei Aktivisten sichten.

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