Fernseh-Tipp : Die sich nicht trauen durften

Jo Baier bringt im Ersten Karl Valentin und Liesl Karlstadt zusammen.

Thilo Wydra
Hannah
Launige Liebe Liesl Karlstadt (Hannah Herzsprung) und Karl Valentin (Johannes Herrschmann).Foto: BR

Sie können nicht miteinander, und auch nicht ohne einander. Da ist Anziehung und Ablehnung zugleich in ihnen. Feuer und Wasser. So sehr Gleiches und so sehr Gegensätzliches. Er ist verheiratet und Komiker. Sie war bis vor kurzem Verkäuferin in einem Warenhaus und sang abends ab und an als Soubrette. Er ist knapp 30, hat schon zwei Töchter und einen Namen als Künstler. Sie ist ungleich jünger, gerade mal 18, lebt allein, macht erste Gehversuche auf der Bühne. Er, das ist das Münchner Urgestein Karl Valentin (Johannes Herrschmann). Sie, das ist seine lebenslange Liebe und Spielpartnerin Liesl Karlstadt (bis 40: Hannah Herzsprung / ab 40: Bettina Redlich). Er hat sie entdeckt und gefördert. Sie hat ihn unterstützt und ihm zugespielt.

Im Jahr 1913 treten sie erstmals gemeinsam auf, 26 Jahre lang soll diese Partnerschaft anhalten, bis 1939. Und irgendwann ist das Private nicht mehr vom Beruflichen zu trennen, da geht das eine in das andere über, bedingt sich wechselseitig. Das Bühnenleben und das Eigenleben, sie werden gewissermaßen zu miteinander kommunizierenden Röhren. So, wie der Valentin und die Liesl irgendwann untrennbar miteinander verbunden sind. Und doch nicht wirklich miteinander sein können. Ist da doch noch „die Frau“, wie der Valentin seine geehelichte Gisela (Gisela Schneeberger) nennt, Mutter seiner Kinder, und die er doch so braucht. Und irgendwann, da gibt es bei der Liesl auch jemanden, den sie hartnäckig charmant umwerbenden Chauffeur Josef Kolb (Alexander Held). Das Schicksal nimmt den Lauf, den es nehmen muss. Man verliert sich, erkrankt, sie an den Nerven, er an der Lunge, findet sich wieder. Der Josef geht, der Zweite Weltkrieg kommt. Oder aber, wie es der Valentin-Karl selbst sagte: „Mögen hätten wir schon wollen – aber trauen haben wir uns nicht dürfen!“

Jo Baier hat dieses doppelte Leben nun verfilmt, hat es gemeinsam mit der versierten und in Bayern geborenen Drehbuchautorin Ruth Thoma („Solino“) für den Bildschirm adaptiert und, ganz paritätisch, beider Namen in den Filmtitel gebracht: „Liesl Karlstadt und Karl Valentin“. Es dürfte sich denn auch um eine der für das Fernsehjahr 2008 renommiertesten Produktionen aus dem Bayerischen Rundfunk handeln. Und mit dem gebürtigen Münchner Jo Baier geht hier ein erfahrener Regisseur ans Werk der nicht ganz einfachen Biographien-Inszenierung, der zuvor schon historische, von Lokalkolorit eingefärbte oder aber Persönlichkeiten porträtierende Stoffe wie den wunderbaren Walter-Sedlmayr-Film „Wambo“ (2001), „Schwabenkinder“ (2002) oder „Stauffenberg“ (2004) umgesetzt hat.

Nun also Karl Valentin. Und, ja, Liesl Karlstadt, die eigentlich Elisabeth Wellano hieß und vom Valentin ihren neuen Künstlernamen erhielt. Stets stand sie in seinem Schatten, stets war er es, um den sich alles und alle drehten. Jo Baiers Film rehabilitiert, wenn man denn so will, Valentins Spiel- und Lebenspartnerin, rückt sie etwas mehr in den Fokus. Es ist dieses aufreibend emotionale Für und Wider, dieses destruktiv rivalisierende Künstlertum, das die beiden ausleben, ungeachtet ihrer beider anderen, weitaus solideren Bindungen mit den Treuen, Gattin Gisela und Chauffeur Josef, welches Baier in einen gut austarierten Wechsel miteinander stellt. Szenen auf der Bühne gehen in Szenen aus dem Leben über. Ausstattung und Kostüme und Visualität (Kamera: Gunnar Fuß) sind dabei sehr fein und präzise. Das gilt auch für die Szenen, wenn Valentin und die Liesl vor der Kamera in den Filmstudios proben und spielen, also um jene frühen Schwarzweiß-Filme, aus denen man sie gemeinhin kennt – dann hat das einen schmissigen Pfiff, eine urige Situationskomik und ist von einem historischen Charme, der einnimmt.

Gewiss, allumfassend kann dieser vier Jahrzehnte umklammernde Film nicht sein, aber er scheint den Valentinschen und Karlstadtschen Nerv zu treffen. Oder aber, um es mit Valentin trefflich untreffend zu sagen: „Die Zukunft war früher auch besser“.

„Liesl Karlstadt und Karl Valentin“, ARD, 20 Uhr 15

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