Fernsehachse Berlin - Istanbul : Blöder Titel, lecker Film

„Liebeskuss am Bosporus“ ist eine ZDF-Komödie, die wirklich eine ist. Es fallen Dialoge wie "Wenn der Döner spricht, haben die Zwiebeln Pause".

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Wo isser denn? Jakob (Tim Bergmann) versucht, über den Dächern von Istanbul den Sound der Stadt einzufangen. Foto: ZDF
Wo isser denn? Jakob (Tim Bergmann) versucht, über den Dächern von Istanbul den Sound der Stadt einzufangen. Foto: ZDFFoto: Hardy Spitz

Berlin hat harte Konkurrenz bekommen. Es ist Sommer über der Stadt, am Horizont der Alex, eine Dachterrasse, keine Wolke am Himmel und quirliges Leben unten auf der Straße, zwischen türkischem Schneiderladen und schrulligem Trödler mit Rockband-Vergangenheit. Hier lässt es sich aushalten, in dieser entspannten Stadt, auch wenn die bärbeißige Vermieterin täglich dringlicher nach der Miete fragt und die Auftraggeber schneller pleitegehen, als man Merhaba sagen kann.

Aber dann, Sprung nach Istanbul, es geht noch besser. Tiefblau leuchtet der Bosporus, ehrfurchtgebietend die alten Mercedes-Schlitten auf der Straße, auf der Galata-Brücke tobt das Leben, die bulligen Türsteher sind nach Küsschen rechts, Küsschen links auch zu erweichen und im Club wird die Nacht zum Tage. Am nächsten Morgen leuchtet der Bosporus noch blauer.

Einen Feel-Good-Wettbewerb der beiden Städte hat der ZDF-Film „Liebeskuss am Bosporus“ ausgerufen, und der Sieger ist eindeutig; man möchte nach dem Film sofort in den Flieger nach Istanbul steigen, Sommer in Berlin hin oder her. „Die hedonistischste Stadt der Welt“ hat Hauptdarstellerin Jasmin Gerat bei den Dreharbeiten am Bosporus entdeckt, und das, obwohl sie beim Dreh in Berlin höchst bequem alle ihre Home-Locations in Kreuzberg erreichen konnte. Dass der Film in Berlin wie in Istanbul ungeniert die touristischen Top-Sehenswürdigkeiten in Szene setzt, Oberbaumbrücke hier, Beylerbeyi-Palast dort, nimmt man gern in Kauf, ein bisschen Filmsightseeing schadet nicht.

Vor Jahren wäre New York der Ort gewesen für eine Sommerromanze mit Wohnungstausch, in Filmen wie „Eine Couch in New York“ zum Beispiel. Oder, alternativ, Paris als klassischer Sehnsuchtsort in Liebesfilmen wie „Before Sunset“. Dass heute Istanbul der Place-to-be ist, zeigt, dass sich die Welt selbst im Fernsehen zum Glück längst internationalisiert hat. Komödien über deutsch-türkische Familienverwicklungen zeugen von neuer Leichtigkeit im Umgang miteinander – der Kinohit „Almanya“ ist derzeit ein gutes Beispiel.

Auch „Liebeskuss am Bosporus“ ist, abgesehen von dem blöden Titel, ein ausgesprochen geglückter Ländersprung nach einem Buch von Katrin Milhahn, die Regie hat Berno Kürten. Die Selbstverständlichkeit, mit der selbst ein weltfremder Berliner Musikwissenschaftler mit Kassenbrille, Pullunder und Windjacke seinen Weg durch Istanbul findet, passt zu der Selbstverständlichkeit, mit der eine junge Frau aus Istanbul in Berlin Modedesign studiert. Nur wenn die Eltern zu Gast kommen, gibt es Verwicklungen, das kann auch mit den Verwandten aus Schwaben passieren.

Eine Screwball-Comedy also, ein Kräftemessen zwischen zwei Protagonisten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hier der Klemmi Jakob (Tim Bergmann), der das Ziel seines Lebens darin sieht, eine Kantate eines Bach-Schülers zu rekonstruieren. Dort die quirlige Türkin Didem (Jasmin Garat), die am Abschlusskleid für die Designschule sitzt und den Eltern erzählt hat, sie studiere Wirtschaft und wohne beim Onkel. Ein Wohnungstausch und diverse Verwicklungen später sind die beiden ein Paar und jede Menge Vorurteile auf der Strecke geblieben.

Wahrscheinlichkeit oder Subtilität ist nicht unbedingt das Kriterium, um diese überdrehte Sommerkomödie zu goutieren. Aber aus der Summe der leichtherzig eingesetzten Klischees entsteht doch so etwas wie Authentizität und Lebensgefühl. Der Türkpop-Hit, den Jakob in Istanbul sucht, erinnert am Ende zwar fatal an Bach mit Rhythmus, aber im Bollywood-Finale findet die entfesselte Verwandtschaft ihn ungemein tanzbar. Schwung und Tempo bestimmen den Film, dafür sorgen nicht zuletzt glorreiche Dialogzeilen wie „Wenn der Döner spricht, haben die Zwiebeln Pause“. Christina Tilmann

„Liebeskuss am Bosporus“, 20 Uhr 15, ZDF

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