Medien : Fernsehen 2001: Die Reise nach Immerwiedersehn

Henryk M. Broder

Es gibt kaum Gründe, sich auf das neue Jahr zu freuen. Das Benzin wird sicherlich noch teurer werden, nach den Rindern und den Schafen werden auch Hühner, Puter und Kaninchen auf BSE getestet werden müssen, die Telekom wird ihre Aktien als Gratispostkarten anbieten. Nur das Fernsehen wird noch schöner werden, noch fetziger, noch sensationeller. Nachdem im vergangenen Jahre einige neue Formate erfolgreich ausprobiert wurden, arbeitet man in allen Sendern an deren Ausbau. Wobei alle Programm-Macher auf bekannte Gesichter setzen, die sie in einem neuen Kontext präsentieren wollen.

Bei der ARD wird überlegt, Sabine Christiansen eine tägliche Show zu geben. Sie soll "Ich und ich" heißen - und von Sabine Christiansens Talenten handeln. "Sie ist vielseitig wie keine zweite Moderatorin", sagt ein maßgeblicher Programmverantwortlicher beim Ersten und verweist darauf, dass Frau Christiansen außer ihrer eigenen Talk-Show im letzten Jahr unter anderem auch die Bambi-Gala, die Kundgebung zum 9. November am Brandenburger Tor und den ARD-Jahresrückblick "Das war 2000" moderiert hat. "Sie kann einfach alles."

Beim ZDF weiß man nicht recht, wie man auf diese Herausforderung reagieren soll. Diskutiert werden zwei Optionen. "Leute heute" mit Nina Ruge könnte von derzeit 15 auf 30 Minuten ausgebaut und täglich im Anschluß an das "heute-journal" aus der Berliner Szene-Bar "Kumpelnest" gesendet werden. Oder "Berlin Mitte" wird aus dem ZDF-Studio in das Restaurant "Käfer" auf dem Dach des Reichstags verlegt, wo Maybrit Illner all die Gäste finden könnte, die sie in ihrer Show noch nicht gehabt hat.

Die Privaten denken natürlich weniger konventionell und haben weniger Hemmungen, Grenzen zu überschreiten. RTL und Sat 1 verhandeln derzeit mit Jenny Elvers über eine Live-Übertragung der Geburt ihres Sohnes, wobei auch über eine Kooperation nachgedacht wird. Die ersten Wehen könnten bei "Bärbel Schäfer" (14 Uhr) gezeigt werden, die Geburt zeitgleich bei "Blitz" (19 Uhr) und "Explosiv" (19 Uhr 10), das erste Interview mit der erschöpften, aber überglücklichen Mutter um 22 Uhr 10 bei "Extra". Pro 7, das sich ebenfalls um die Rechte bemüht, aber nicht genug geboten hat, will Alex, den schmierigen Kneipier aus Bonn, verpflichten, in "Taff" (17 Uhr) am Tag nach der Geburt den Rummel um Mutter und Kind aus der Sicht des unbeteiligten Kindsvaters zu kommentieren.

RTL und RTL 2 wollen die Big-Brother-Idee weiter diversifizieren. Am Vormittag soll "Little Sister" laufen: Zehn Kinder im Vorschulalter verbringen gemeinsam 30 Tage in einem Spiel-Container, als Betreuer sind Michael Schanze und Mareike Amado im Gespräch, mögliche Proteste des Kinderschutzbundes sollen mit einer Tombola zugunsten missbrauchter Kinder ausgeräumt werden. Ziemlich sicher scheint, dass Gerti, die Frau von Big-Brother-Harry, eine eigene Show bekommt, in der sie andere prominente Frauen darüber befragt, wie sie mit ihren Männern klarkommen. Für die erste Sendung will man Hera Lind, Iris Berben und Cornelia Scheel einladen.

Auch bei Sat 1 hat man inzwischen gemerkt, dass es Zuschauer jenseits der 50 gibt, die mit dem Leben noch nicht abgeschlossen haben. Hier ist ein "Senioren-Club" (Arbeitstitel) im Gespräch, den Rolf Eden moderieren soll, der letztes Jahr schnell "noch ein Kind zeugen" wollte, aber die "passende Frau dazu" nicht fand. Für die Auftaktsendung hat sich Eden als Partnerin die Pro-7-Wetterfee Else Buschheuer ("Ruf!Mich!An!") gewünscht, während der Sender lieber Inge Meysel oder Brigitte Mira holen möchte, um die angepeilte Zielgruppe nicht gleich am Anfang zu erschrecken.

2001 wird ein tolles Fernsehjahr werden. Sogar das "Literarische Quartett" im ZDF soll überholt und verjüngt werden. Sobald Marcel Reich-Ranicki die Führung der Runde aufgibt, wird Günther Jauch die Aufgabe übernehmen. Beim ZDF verspricht man sich von der personalen Verknüpfung mit "stern tv", "Wer wird Millionär?", Champions League und Süddeutscher Klassenlotterie einen "gewaltigen Synergie-Stoß". "Die Idee, zu Beginn jeder Sendung Ramona und Jürgen Drews sagen zu lassen, welche Bücher sie jüngst gelesen haben, wurde nur aus Furcht vor dem späten Zorn SigridLöfflers wieder aufgegeben.

Obwohl die Überlegung nicht falsch war und bestimmt ein paar "explosiv-", "exclusiv-", "taff-" und "blitz"-Zuschauer ins "Literarische Quartett" gelockt hätte. "Wir haben aber noch ein Ass im Ärmel", sagte letzte Woche ein leitender ZDF-Redakteur. Was er nicht verraten wollte, plauderte Ariane Sommer nach Mitternacht im Berliner Kaufhaus "Stilwerk" aus. Man hat ihr angeboten, für Iris Radisch einzuspringen, sobald diese als Nachfolgerin von Barbara Eligmann berufen wurde.

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