Fernsehen : Alle lieben "Mad Men" - nur ich nicht

Etwas schlecht finden, was alle anderen gut finden - und umgekehrt: Unser Kolumnist Matthias Kalle macht sich Gedanken über den Mehrheitsgeschmack in Sachen Fernsehen, sei es bei "Mad Men" oder Günther Jauch.

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Christina Hendricks und Jon Hamm aus der Serie "Mad Men"
Christina Hendricks und Jon Hamm aus der Serie "Mad Men"Foto: AFP

Als am vergangenen Samstag der neue „Spiegel“ erschien, da drehten einige in dem sozialen Netzwerk Twitter komplett durch. Auf dem Cover war eine Frau zu sehen, verschwitzt, leicht bekleidet, dazu die Zeile „Mein Sex“. Als ich das Cover sah, dachte ich mir wenig dabei, eigentlich war es mir aber egal. Ich fand das weder gut, noch schlecht, eher so mittel.

Aber dann las ich bei Twitter, wie andere das fanden, vor allem einige Entscheidungsträger der so genannten Boulevardmedien, und die fanden das richtig schlecht, sie twitterten Häme und vermeintlich Lustiges, ja – sie konnten sich gar nicht mehr beruhigen. Immerhin erregten sich da Menschen über ein Sex-Cover des „Spiegel“, die in ihrem Leben bereits menschenverachtenden Titel verantwortet haben. Und das war für mich dann der Moment, in dem ich beschloss, dass ich das Cover des „Spiegel“ eigentlich ganz gut finden müsse. Aus Prinzip.

Wenn ein politischer Journalist über Günther Jauch schreibt

Ein paar Tage später hat mal wieder ein politischer Journalist einen Text zum Thema Fernsehen geschrieben. Und ich meine: Warum nicht – why not? Das ist hier ein freies Land, hier kann jeder nicht nur seine Meinung haben, er kann sie sogar aufschreiben, Möglichkeiten gibt es da ja genug. Und wenn es ums Fernsehen geht, dann bitte erst Recht, denn schließlich hat ja nicht nur fast jeder einen Fernseher – das Fernsehschauen kriegen die meisten auch noch unfallfrei hin.

Jedenfalls schrieb ein politischer Journalist über Günther Jauch und dessen Talkshow. Eigentlich schrieb er mehr über die Menschen, die sich über Günther Jauch und dessen Talkshow aufregen, und irgendwie regte sich der politische Journalist ein bisschen über die Menschen auf, die sich über Günther Jauch und dessen Talkshow aufregen. Aber weil der politische Journalist von Beruf Journalist ist, fiel es ihm nicht so schwer seine Aufregung nicht ganz so aufgeregt klingen zu lassen. Das Dumme war nur, dass es in dem Text nicht um die Talkshow „Günther Jauch“ ging, in keiner Zeile beschäftigte sich der Autor damit, ob die Sendung gut oder schlecht ist, ob es ihr gelingt zu unterhalten, zu informieren oder für einen Erkenntnisgewinn zu sorgen. Der Text war ein einziger Reflex: Ich finde jetzt mal etwas gut, das alle schlecht finden.

"Mad Men" - langweilig und schlecht erzählt

Wobei das natürlich nicht stimmt – im Text selber wird nämlich erklärt, dass „Günther Jauch“ immer noch die Talkshow mit der höchsten Einschaltquote sei und der Moderator immer noch zu den beliebtesten Deutschen zählen würde. Demnach würden also die, die „Günther Jauch“ kritisieren, in der Minderheit sein – sie sind aber nur lauter, sie haben die Möglichkeiten gehört zu werden, so wie die, die das Cover des „Spiegel“ so doof fanden.

Es gibt einen Vorgang, für den gibt es bestimmt ein Wort, vielleicht sogar ein lateinisches. Der Vorgang sieht so aus: Man wird mit etwas konfrontiert, zu dem man erst mal keine Meinung hat. Dann finden viele Menschen, deren Ansichten man generell nicht teilt, dieses etwas schlecht, was dazu führt, dass man dieses etwas dann gut findet (andersrum funktioniert das natürlich auch). Die eigentliche Arbeit müsste darin bestehen, dass es einem völlig egal ist, wie andere etwas beurteilen – auch, wenn man dann zu einem Ergebnis kommt, das Menschen, die man nicht mag, teilen.

In der vergangenen Woche lief die allerletzte Episode der Fernsehserie „Mad Men“. Ich habe diese Serie von Anfang an nicht gemocht, ich fand sie langweilig, schlecht erzählt, die Charaktere sagten mir nichts. Damals habe ich die erste Hälfte der ersten Staffel geschaut und es dann bleiben lassen – während alle um mich herum vor Freude ausflippten (und zwar die, deren Meinungen ich eigentlich teile, und ich die, deren Meinungen ich eigentlich nicht teile). Ich blieb bei meinem Urteil, obwohl ich manchmal dachte, dass das auch wieder zu billig ist: Etwas schlecht finden, was alle anderen gut finden. Andererseits finde ich ja auch Sachen gut, die alle anderen furchtbar finden. Cherry-Coke, zum Beispiel.

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