Fernsehen am Freitag : Vom Sofa geschubst

Der ARD-Freitagsfilm hat junge Zuschauer gewonnen, aber das Stammpublikum verloren. Filme wie "Sophie kocht" sollen den Ausgleich zwischen Jung und Alt schaffen.

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Zeitgemäßer erzählen mit Degeto. Wie bei der Komödie „Sophie kocht“ (ARD, 20 Uhr 15) mit Annette Frier als Frau um die 40, die sich fragt, ob das schon alles war.
Zeitgemäßer erzählen mit Degeto. Wie bei der Komödie „Sophie kocht“ (ARD, 20 Uhr 15) mit Annette Frier als Frau um die 40, die...Foto: Degeto

Es gab eine Zeit, da traf man freitags ab 20 Uhr 15 im „Ersten“ beinahe unweigerlich auf Christine Neubauer. Die im Auftrag der ARD-Tochter Degeto produzierten Liebesgeschichten waren in der Regel vorhersehbar, die Machart war altbacken und das Ende immer happy. Die meisten Zuschauerinnen waren ältere Frauen, und so sahen die Filme auch aus. Seit einiger Zeit weht ein frischer Wind durch den Freitagabend. Beste Beispiele sind zwei Filme aus dem Frühjahr: In der Komödie „Vier kriegen ein Kind“ streiten sich ein lesbisches und ein schwules Paar um eine Samenspende; und im tragikomischen Drama „Mein Sohn Helen“ fliegt ein Junge für ein Auslandsschuljahr nach San Francisco und kehrt als Frau zurück. Die Neuausrichtung hat sich gelohnt, wie ein Blick auf die auch von ARD und ZDF umschwärmte Zielgruppe der Zuschauer unter 50 Jahren zeigt: 2013 hatten die Freitagsfilme hier einen Marktanteil von durchschnittlich 6,6 Prozent, aktuell sind es 7,7 Prozent.

Nicht nur deshalb wird die Neuorientierung in der Branche mit großer Sympathie verfolgt. Manches wird aber auch kritisch hinterfragt. „Nur ‚Hauptsache jünger, Hauptsache anders’ ist keine zwingend zukunftsweisende Strategie“, sagt ein Produzent. Er fordert die Degeto daher auf, sich stärker „an den Unterhaltungsbedürfnissen der Zuschauer“ zu orientieren und auch das zuletzt verschmähte Genre des Heimatfilms wieder in den Kanon aufzunehmen: „Der Markenkern des Sendeplatzes darf nicht völlig verraten werden, wenn man das alte Publikum nicht vom Sofa schubsen will.“

Dafür ist es jedoch zu spät: Teile des Stammpublikums sind bereits verloren gegangen. Die Verluste bei den älteren Zuschauern sind größer als die Zugewinne bei den Jüngeren. Sascha Schwingel, seit Oktober 2013 Redaktionsleiter der Degeto, steht nun vor der Herausforderung, die Alten zurückzuerobern, ohne die Jungen zu verlieren. Dass das nicht einfach wird, zeigt das durchwachsene Abschneiden von eher traditionellen Stoffen wie „Alleine war gestern“ (über eine WG mit jungen Alten) oder „Die letzten Millionen“ (eine Tippgemeinschaft aus Senioren gewinnt 30 Millionen). Für Schwingel beginnt der Erfolg bei einem Marktanteil von 14 Prozent. Beide Filme lagen deutlich drunter.

Das Publikum ist unberechenbar

Wie unberechenbar das Publikum ist, zeigt auch die Resonanz auf die beiden thematischen Ausreißer „Mein Sohn Helen“, mit zwölf Prozent im guten Mittelfeld, und „Vier kriegen ein Kind“, mit nur 2,6 Millionen Zuschauern der Freitagsfilm mit der bei Weitem schlechtesten Resonanz seit Langem. Die Komödie war zwar jung, flott und unterhaltsam, aber thematisch natürlich Lichtjahre vom Stammpublikum entfernt. Mit einem Seufzer stellt Volker Krappen, Autor und Produzent des Films, fest: „Um mit qualitativ starken, berührenden und unterhaltenden Filmen das Publikum breit zu erreichen und zu binden, braucht man Zeit und Spielräume.“ Ähnlich drückt es „Mein Sohn Helen“-Produzent Ivo-Alexander Beck aus: „Eingefahrene Sendeplätze jenseits des Krimis zu modernisieren ist schwierig.“ Er verweist auf den „Tatort“, der vor Jahren vergleichbare Probleme gehabt habe: „Inzwischen ist er das Aushängeschild der ARD.“ Auch Michael Lehmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Studio Hamburg Produktion Gruppe, die zu Zeiten der „alten“ Degeto die Reihe „Liebe am Fjord“ beigesteuert hat, bittet um Geduld: „Jahrelang hat man sich in der Branche hinter vorgehaltener Hand über den ‚Süßstoff’ am Freitag mokiert, da sollte man sich jetzt mit negativen Kommentaren zurückhalten, nur weil die mutige neue Philosophie nicht umgehend Erfolg hat.“

Degeto-Geschäftsführerin Christine Strobl hofft, bis Ende des Jahres auch beim Gesamtpublikum die Akzeptanzzahlen zu erreichen, die ihr vorschweben. Fest steht: „Es wird keinen Weg zurück geben.“ Aber weil früher ja nicht alles schlecht war, gibt es ein Comeback zweier Galionsfiguren der „alten“ Degeto. Ein Film mit Christine Neubauer ist in Arbeit. Und „Traumhotel“-Star Christian Kohlund wird Hauptdarsteller eines neuen Krimiformats. Schwingel versichert, er habe nichts gegen klassische Geschichten, wolle sie aber zeitgemäß erzählen. Dafür steht auch die Komödie „Sophie kocht“ (ARD, 20 Uhr 15) mit Annette Frier als Frau um die 40, die sich fragt, ob das schon alles war. Früher hätte diese Rolle die 30 Jahre ältere Thekla Carola Wied gespielt.

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