Fernsehen : Auf der Mauer …

…auf der Lauer. Aber der Sat1-Zweiteiler "Wir sind das Volk" ist viel besser als seine Ankündigung.

Kerstin Decker
Wieder vereint Foto: Sat 1
Wieder vereint. Anja Kling (m), Hans-Werner Meyer (l) und Lino Sliskovic. -Foto: Sat 1

Sah so das Volk aus? Die Sat-1-Werbeplakate für den Film „Wir sind das Volk“ gehören dieser Tage fast überall zum Stadtbild. Untote, Gesichter wie aus dem Wachsfigurenkabinett. Sah so nicht eher das Politbüro aus? Und wer einmal – eine kurze Herbstewigkeit lang – wirklich das Volk war, dürfte schon vor dem Titel stilles Grauen empfinden: „Wir sind das Volk. Liebe kennt keine Grenzen“.

Die eigentlichen Volks-Sachverständigen sitzen heute in den großen Fernsehanstalten und glauben nicht an das Volk. Darum wohl machen sie solche Titel. Das Herbstvolk von 1989 aber war schön. Und kein bisschen trivial.

Liebes Volk, lass dich nicht von Überschriften und Plakaten beirren! Denn dieser Sat-1-Zweiteiler ist viel besser als seine Ankündigung. Du brauchst natürlich auch keine Angst vor TV-Kunstkino haben. „Wir sind das Volk und so weiter“ wird deine Sehgewohnheiten nicht durcheinanderbringen, aber es unterlässt das mit Geschmack und einer bemerkenswerten Feinzeichnung. Jede Rolle ist punktgenau besetzt unter der Regie von Thomas Berger.

Für das, was an Filmen wie diesem etwas grob gezimmert ist, hat man zu Recht das plumpe Wort „Plot“ gefunden. Kein Plot ist sublim. Aber bitte, liebes Volk, nicht gleich abschalten, wenn du da zwei Typen mit zwei Leitern loslaufen siehst, und dann klettern die wirklich anno 1983 über die Mauer. Mit Leitern! Und direkt neben einem voll besetzten Kontrollturm. Auch kommt mit einer bestimmten Anzahl Kugeln im Leib kein Mensch mehr weiter. Aber Regisseuren ist das manchmal egal, wenn sie dafür Bilder bekommen wie dieses: zwei Freunde, deren Hände sich im Kugelhagel langsam lösen. Der eine fällt links von der Mauer runter – in den Westen. Der andere fällt rechts runter – zurück in den Osten. Der eine ist tot, der andere wird leben. Und den Toten rächen. Der Tote ist aber nicht nur sein Freund, sondern zugleich der Bruder seiner in der DDR zurückgelassenen Freundin. Und die ist – was der links runter Gefallene nicht weiß – auch noch schwanger. Da müssen wir durch, die eigentliche Geschichte fängt jetzt erst an. Zeitsprung von 1983 ins Jahr 1989.

Der in den Westen Gefallene heißt Andreas Wagner (Hans-Werner Meyer), ist nun Redakteur beim (West-)Fernsehen und überredet seine Vorgesetzten immer wieder zu Ost-Beiträgen, was diesen stark missfällt, weil das Westvolk bei Nachrichten vom Ostvolk immer umschaltet. Die seit sechs Jahren nicht mehr gesehene DDR-Freundin des Redakteurs heißt Katja Schell, wird von Anja Kling gespielt und fährt wie so viele mit ihrem inzwischen ebenfalls sechsjährigen Sohn nach Ungarn, um über die Grenze zu gehen, an der neuerdings nicht mehr geschossen wird. Nein, die Grenzüberschreiter schreiten nicht, gehen nicht: Sie rennen, jeder so schnell er kann. Mutter Schell fällt dabei im Interesse der weiteren Handlung hin und zugleich in tiefe Bewusstlosigkeit, so dass ihr Sohn Sven allein in Österreich ankommt. Was ein alter österreichischer Bauer mit dem Satz kommentiert: „Jetzt laufen dem Honecker schon die Kinder weg!“ Die Staatssicherheit bringt die Fluchtversehrte zurück in die DDR, dorthin, wo sie ihr ekelhaftestes Gesicht zeigt: in das Untersuchungsgefängnis von Hohenschönhausen, dessen Alltag wohl noch nie in einem Fernsehfilm so gezeigt wurde.

Fast alles, was den alten Kommunisten einst in KZ’s und Zuchthäusern widerfuhr, gaben sie weiter. Oberstes Prinzip: den Gefangenen entwürdigen, ihm sein Selbst nehmen, ihn nicht mehr als Mensch ansprechen. Anja Kling zeigt das Zugleich von ungläubigem Erstaunen über die jedem modernen Ich absurd scheinenden Befehle und ihrem Befolgen. Halb aus Angst, halb aus Überraschung. „Kopf runter!“ heißt es schon bei jedem Gang über die Gefängnisflure.

Heiner Lauterbach ist beeindruckend als Vernehmer der Staatssicherheit, der mit allen sublimeren Mitteln versucht, die junge Frau zur Komplizin zu machen. Der fortgesetzte, ungleiche Kampf zweier Selbstbewusstseine gehört zu den intensivsten Szenen des Zweiteilers. Hier soll ein Ich ausgelöscht werden, außerhalb dieser Mauern beginnt es sich massenhaft zu erproben, bis hinein in „systemnahe“ Familien wie die des DDR-Offiziers, in dessen Augen – sie gehören dem großartigen Jörg Schüttauf – eine Weltanschauung untergeht. Und auch seine Tochter (jede Jugend ist ein Neuanfang: Anna Fischer) verliert der durchaus sensible Vater an eine Wirklichkeit, die nicht mehr die seine ist.

Thomas Bergers „Wir sind das Volk “ zeigt noch einmal, wie in vier Jahren sowjetischer Glasnost und Perestroika auch in der DDR eine jüngere Generation zur Sprache und zum Handeln fand. Sie erkannte die einzige Herrschaftslegitimation der alten Kommunisten, einmal gegen den Faschismus gekämpft zu haben, nicht länger an. Selten hatte ein Film so viele Neben- und Hauptfiguren. Das vor allem ist seine Stärke. Gemeinsam ergeben sie ein durchaus wirklichkeitstiefes Porträt des doch so vielschichtigen Herbstvolks vor neunzehn Jahren.

Nicht zuletzt sehen wir ein Stück Mediengeschichte. Denn beinahe hätte es vom 9. Oktober, diesem Schicksalstag des Herbstes ’89, keine Bilder gegeben. Ohne die beiden Amateurfilmer Aram Radomski und Siegbert Schefke hätten die Nichtleipziger aller Länder nie das grobkörnige Lichtermeer der 70 000 gesehen, das die anfangs zu allem entschlossene Staatsgewalt schließlich entwaffnete. Der 9. Oktober wäre ein würdiger Tag der Einheit gewesen statt des bloßen Verwaltungsdatums 3. Oktober. Als Dirk und Micha sind die beiden Handkameraträger die ersten aller Hauptnebenfiguren geworden in einem zunehmend tränennassen Film.

Und wieder fragt man sich, warum die tiefste Freude nicht ins Lachen mündet, sondern wie der Schmerz in Tränen.

„Wir sind das Volk – Liebe kennt keine Grenzen“, Sat 1, 20 Uhr 15;

2. Teil am Dienstag

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