Fernsehen : Auferstanden aus Ruinen

Die ARD erzählt vom Alltagsleben nach 1945

Thomas Gehringer

1945 war Deutschland buchstäblich ruiniert. August-Heinz Limpe lebte als Kind in Dortmund eineinhalb Jahre im Keller einer Hausruine. Davon gibt es Filmaufnahmen: Die Mutter kocht, der Vater hustet, und Klein-August zieht sich Strümpfe mit Löchern an. Gut 60 Jahre später erzählt Limpe nüchtern, wie sein Vater in diesem Loch gestorben ist, beim Abfragen der Hausaufgaben. Dennoch möchte er diese „aufregende“ Zeit seines Lebens „nicht missen“, die Trümmerlandschaft war für die Kinder auch ein Abenteuerspielplatz. Der Dortmunder ist einer von 20 Zeitzeugen, die im ARD-Vierteiler „Damals nach dem Krieg“ ihre Geschichten erzählen. Traurige, ernste, fröhliche, optimistische – ein keineswegs beliebiges Mosaik aus Erinnerungen an den Alltag im Sommer 1945 und im kalten Hungerwinter 1946/47.

Die unmittelbare Nachkriegszeit blieb bisher von dem so geschichtsverliebten Fernsehen weitgehend ausgeblendet. Allenfalls die Berlin-Blockade 1948 schaffte es zum Beispiel mit dem Sat-1-Film „Die Luftbrücke“ in die Hauptsendezeit. Nach dem Nationalsozialismus setzen die TV-Historiker erst in den fünfziger Jahren so richtig wieder ein, mit dem Wirtschaftswunder. Sehr beliebt auch die Sechziger, die RAF-Geschichte sowie Mauerfall und Vereinigung Deutschlands 1989/90. Aber wie kam es zu „West“ und „Ost“? Die Teilung vollzog sich in den Jahren 1945–49. Die Besatzungsmächte USA, Großbritannien und Frankreich auf der einen und die Sowjetunion auf der anderen Seite, eben noch Alliierte, wurden zu Gegnern. Deutschland wurde nach wenigen Jahren zum geteilten Frontstaat im Kalten Krieg. Im Westen durchgefüttert, im Osten demontiert. Unübersichtliche Zeiten in vier Besatzungszonen waren das, eine komplizierte Sache fürs Geschichts-TV. Nun starten zwei Doku-Reihen zum Thema. Neben „Damals nach dem Krieg“ rückt der WDR mit „Operation Wunderland“ speziell die Strategie der USA in den Mittelpunkt. Autor Christoph Weber bedient sich dabei der Propagandafilme, mit denen die US-Militärregierung das deutsche Volk nach dem Krieg für den Westen gewinnen wollte. Als Vorfilme im Kino erreichten diese Werke ein Millionenpublikum.

Das hat schon einen nostalgischen Wert, aber bei der Einordnung der Filme stört etwas der verschwörerische Tonfall. Immer wieder dienen dieselben colorierten Aufnahmen von einer mal als „Wirtschaftsberater“, mal als „Propagandaexperten“ titulierten Männerrunde als Beleg für die im Washingtoner Hinterzimmer geplante West-Orientierung Deutschlands. Spannend ist, wie hier das vermeintliche Wirtschafts-„Wunder“ auf seinen Faktengehalt geprüft wird. Christoph Weber erzählt im Grunde eine Erfolgsgeschichte: In Deutschland hat das „nation building“ der siegreichen Amerikaner – im Gegensatz etwa zum Irak der Gegenwart – funktioniert. An einer Vereinigung mit dem kommunistischen Osten waren sie weniger interessiert. Erfrischend offen redet Robert Wolfe, ein Mitglied der damaligen US-Militärregierung, über die politischen Hintergründe. Übrigens nicht nur bei „Operation Wunderland“, sondern auch bei „Damals nach dem Krieg“, wo außerdem der damalige Jungkommunist Ernst Schmid als Zeitzeuge und einzelne Filmschnipsel zu sehen sind. Sogar die löchrigen Strümpfe von August-Heinz Limpe tauchen in beiden Reihen auf. Das Publikum erfährt von Einzelschicksalen, die zugleich einzigartig und exemplarisch sind. Wie das von Mechthild Evers und ihrem Mann, die sich nach Kriegsende in Hiddensee treffen wollten. Er wurde als Gefangener von einer Einheit der Roten Armee dorthin gebracht. Beide verbrachten inmitten der gefürchteten Russen glückliche Tage. Doch der deutsche Soldat, von dieser Einheit schließlich als freier Mann entlassen, wurde am nächsten Kontrollpunkt der Roten Armee gleich wieder festgenommen. Aus Sibirien kam er nicht mehr zurück. Thomas Gehringer

„Damals nach dem Krieg“, ARD, 21 Uhr; „Operation Wunderland“, WDR, 23 Uhr 15

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