Fernsehen : Das Wunder von Uerdingen

Eine Dokumentation über ein deutsch-deutsches Fußballduell.

Daniel Meuren

Sepp Herberger wusste es schon, vermutlich weiß es jeder Fußballfan: Ein Fußballspiel zieht die Massen ins Stadion, respektive vor den Fernsehapparat, weil niemand weiß, wie das Spiel ausgeht. Aus diesem Grund sind Rückblicke auf Duelle aus früheren Jahrzehnten fast durchweg eine Enttäuschung. Einst als spannend empfundene Spielverläufe verblassen im Wissen um das Ergebnis zu lahmem Ballgeschiebe. Bei einer simplen Wiederholung des Europapokalspiels Uerdingen gegen Dresden von 1986 würde man wohl auch ernüchtert feststellen, dass sechs Tore in einer Halbzeit doch nicht so ungewöhnlich sind.

Einer 45 Minuten langen Dokumentation würdig ist das „Fußballwunder von Uerdingen“ weniger wegen des sensationellen Comebacks des damaligen DFB-Pokalsiegers, der nach einer 0:2-Hinspielniederlage und einem 1:3-Pausenrückstand im Rückspiel das Weiterkommen schaffte. Vielmehr kam bei dem deutsch-deutschen Duell einiges zusammen, was ein Fußballspiel zum Thriller werden lässt. Die Stasi mischte sich ein, indem sie um des „Staatsziels Halbfinalqualifikation“ willen dem Dresdner Trainer Klaus Sammer die Nominierung des wegen diverser Disziplinlosigkeiten aussortierten Stürmers Frank Lippmann diktierte.

Ausgerechnet diesem Lippmann kommt die Hauptrolle im Fußballdrama zu. Der Stürmer schießt in Hin- und Rückspiel ein Tor, vor allem aber nutzt er die Nacht nach dem Spiel in Krefeld zur Flucht. Leider gönnt Filmemacher Bernhard Dreiner diesen bemerkenswerten Begleiterscheinungen zu wenig Raum. Stattdessen referiert er minutiös das Spiel selbst, die an Floskeln reichen Statements von Spielern geraten oftmals noch langweiliger als die Interviews mit Akteuren unmittelbar nach dem Abpfiff. So bleibt es dem grandios erzählenden Dresdner Trainer Sammer vorbehalten, auf die Besonderheiten des Duells hinzuweisen. „Der Sammer ist schuld“, sei das logische Fazit der Stasi gewesen. Schuld sowohl an der Niederlage als an der Flucht des Spielers Lippmann. Sammer wird deshalb von seiner Aufgabe entbunden: „Wenn einer in den Westen abgehauen ist, dann hattest du keine Chance.“

„Das Fußball-Wunder von Uerdingen“, WDR, 16 Uhr 45

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