Fernsehen : Das Zirpen des Kapitalismus

Angewandte Wirtschaftskunde im RBB-"Tatort: Tod einer Heuschrecke“: Der allzu gutgemeinte Fall durchweht ein weltmännischer Hauch von Spionage.

Katrin Hillgruber

Von geschätzten 10 000 Arten der Heuschrecke, der Saltatoria, kommen hierzulande nur etwa achtzig vor. Sie alle zirpen in verschiedenen „Dialekten“. Im jüngsten RBB-„Tatort“, dem vierten in der Regie von Ralph Bohn, bringt ein ausgefallenes amerikanisches Exemplar den burschikosen Kommissaren Ritter und Stark ganz neue Flötentöne bei: Es geht um das internationale Finanzkapital zwischen New York und Schanghai als den Exponenten der künftigen Weltmacht China. Auf einmal herrscht Krawattenzwang. Berlin war für den Hedge- Fonds-Manager Ted Wilson eher ein Zwischenstopp, um im Auftrag der „Blue Mountain Invest“ die feindliche Übernahme der bis dahin soliden Brom Kraftwerk-Technik AG zu betreiben. Doch eines Nachts fällt die Heuschrecke vom Dach, um im plakativen Sprachgebrauch des Films zu bleiben.

Nur einmal fällt der schüchterne Hinweis, dass ein Mensch kein Insekt sei. Der Einwand stammt von der Nachwuchsjournalistin Franka Schönbaum (Anna Brüggemann), einer zwischen kleinem Schwarzen und grobgestricktem Wollpulli erstaunlich wandlungsfähigen Frau. Auch was ihren Männergeschmack betrifft: Bei einem Interview verliebte sie sich in Wilson, während zu Hause ihr Freund Daniel wartete, ein alternativer Computer-Hacker kurz vor der Erstürmung des Bundeswehr-Servers. Jedes vor dem Haus parkende Auto versetzt ihn in Panik.

Eifersüchtig verfolgte Daniel seine Freundin in der Mordnacht bis zu Simone Scholls Luxusetablissement, fand aber als Parkaträger keinen Einlass. Oder huschte er doch mit dem Catering-Service durch die Tür? Die Kommissare brauchen lange, um das herauszufinden. Auch, um zu ermitteln, was den Betriebsratsvorsitzenden der Brom AG Klaus Werner (Guntbert Warns) derart in Panik versetzte, dass er Wilson im Aufzug bestürmte, wie die Aufzeichnungen der Überwachungskameras verraten. Am nächsten Tag gibt sich Werner seinen Kollegen gegenüber, die von den Verkaufsgerüchten beunruhigt sind, auffallend zugeknöpft. Die VW-Affäre lässt grüßen, so wie „Tod einer Heuschrecke“ generell einen starken Zug zur Gemeinschaftskunde und zu Wirtschaftssendungen wie „Plusminus“ hat. Ritter und Stark jedenfalls müssen sich von einem „Scout“, der nach schlachtreifen Unternehmen fahndet, erst einmal mit einiger Herablassung über die verschlungenen Wege des Großkapitals aufklären lassen.

Sebastian, der Sohn des alleinerziehenden Kommissars Felix Stark (Boris Aljinovic), hat seit der letzten Folge einen so immensen Wachstumsschub erfahren, dass er sich mit philosophischen Erörterungen an den Recherchen beteiligen kann. Nur warum die Spaghetti alla Puttanesca „nach Nuttenart“ heißen, versteht er noch nicht. „Schön scharf und auf die Schnelle zubereitet“, klärt ihn der Lebemann Ritter auf. Das führt zu der Frage, wie weit die Dienste des Escort-Service gehen, dessen Damen Geschäftsleute wie Dr. Wong in besagten Club begleiten. Die dunkle Schönheit Kirsten Tomatschek lenkt auf der Tanzfläche alle Blicke auf sich. Sie wird gespielt von der gebürtigen Polin Natalia Avelon, bekannt geworden durch ihre Darstellung der jungen Uschi Obermaier. Tagsüber dolmetscht Kirsten bei Verhandlungen zwischen chinesischen Delegationen und Wilsons sinistrem Ex-Kollegen Michael Zinger. Er steht der Übernahme der Brom AG wesentlich positiver gegenüber als der Verstorbene.

Katrin Sass glänzt mit ihrer herb-melancholischen Lebensklugheit in der Rolle der Clubchefin Simone. Mit der sanften Süffisanz einer Sphinx beobachtet sie die nächtlichen Selbstdarstellungsrituale ihrer Stammgäste. Kommissar Till Ritter (Dominic Raacke) kannte Simone schon, als er Stammgast in ihrer West-Berliner Eckkneipe war – damals, als er noch Taxi fuhr. Es kommt zu einem denkwürdigen Wiedersehen zur Melodie von „Winnetou III“. Der Kampf in der deutsch-amerikanischen Prärie bleibt bis zum Schluss anstrengend, denn die US-Botschaft hat ihren eigenen Ermittler entsandt. Als der nächste Amerikaner dann noch nachts am „Zentralflughafen“ Tempelhof landet, durchlüftet ein weltmännischer Hauch von Spionage diesen allzu gutgemeinten Fall.

„Tatort: Tod einer Heuschrecke“; ARD, 20 Uhr 15

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