Fernsehen : Der kleine Steuermann

Repressiv und liberal: Porträt über Deng Xiaoping auf Arte.

Hans-Jörg Rother
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Der Revolutionär als feiner Herr. -Foto: Arte

Zweimal musste der mächtigste Mann Chinas sein Brot mit eigener Hände Arbeit verdienen: mit sechzehn Jahren, als Deng 1920 in einer Schuhfabrik bei Paris Gummisohlen zuschnitt und das Stipendium aus Peking ausblieb, und während der von 1966 bis 1973 tobenden Kulturrevolution an seinem Verbannungsort in der Provinz Xinjan, wo „der kleine Steuermann“, zuvor Mao Zedongs rechte Hand, froh sein konnte, in einer Traktorenfabrik arbeiten zu dürfen, statt öffentlich gedemütigt oder eingesperrt zu werden. Ein einziger Satz, ein Sprichwort aus Dengs südchinesischer Heimat, hatte genügt, Maos Verdacht zu erregen: „Egal ob die Katze schwarz oder grau ist, Hauptsache sie fängt Mäuse.“

Deng Xiaoping (1904 bis 1997) war ein Pragmatiker, der die Produktion und nicht die Ideologie als wichtigste Triebkraft der „Revolution“ erkannte. „Die Wahrheit in den Tatsachen suchen“, lautet einer seiner prägenden Aussprüche. Diesem Denken verdankt die Volksrepublik ihren rasanten Aufstieg in den Kreis der führenden Weltmächte.

Es ist ein verlockendes, aber kein leichtes Unterfangen, Maos Nachfolger zu porträtieren, ein Mann, der von 1979 an die chinesische Gesellschaft (vor allem die Wirtschaft) von vielen Fesseln befreite, die er ihr selbst zuvor anlegen half, etwa bei der Kampagne des „Großen Sprungs“ (1958 bis 1960), wo die Bauern ihre eisernen Gerätschaften in die Minihochöfen werfen mussten, um die Stahlproduktion zu erhöhen. 30 Millionen Menschen verhungerten damals, bis die verblendete Parteiführung das Steuer herumriss. Später, in einem anderen entscheidenden Moment, sollte Deng Xiaoping noch einmal eine Kehrtwendung vollführen, als er 1989 die Demokratiebewegung der Studenten mit aller Härte niederzuschlagen befahl. Doch auch darüber hat sich in China nach 30 Jahren innerer und äußerer Stabilität das Urteil zugunsten Dengs verschoben.

Das Meiste über den kleinwüchsigen, sich gern einer derben Sprache bedienenden Mann erfährt der Zuschauer aus dem Kommentar in Barbara Neceks Porträt, gleichsam eine Kurzfassung der Wikipedia-Biografie. Der Film entstand ohne chinesische Drehgenehmigung, Gespräche mit Dengs Töchtern oder seinem Englisch-Übersetzer Wei-Wei Zhang waren jedoch möglich. Filmisch beeindruckender sind die in chinesischen und amerikanischen Archiven aufgefundenen Ausschnitte aus alten Wochenschauen. Man sieht grausame Hinrichtungen im vorrevolutionären China, verödete Landschaften nach dem misslungenen „Großen Sprung“ und Rote Garden, wie sie sogenannte „Abweichler“ durch die Straßen schleifen. Von Deng sind nicht viele Aufnahmen überliefert. Eine zeigt ihn beim Besuch in Amerika 1979, wo er, lachend neben Präsident Jimmy Carter, einen Cowboy-Hut aufsetzt. Der Hut stand ihm gut. Hans-Jörg Rother

„Deng Xiaoping“, Arte, 21 Uhr

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