Fernsehen : Der Mann fürs Vorspiel

5000 Sendungen: Christian Oberfuchshuber ist der gefragteste Warm-Upper im deutschen TV. Anheizer sollen das Publikum in Stmmung bringen und fernsehtauglich machen.

Tim Klimeš
HITGIGANTEN Foto: Sat1
Christian Oberfuchshuber beim Warm-Up für die im Mai anlaufenden Hit-Giganten. -Foto: Sat1

400 Zuschauer warten auf ihn. 20, 30 Minuten schon. Um 19 Uhr 50 ist es soweit. Musik erklingt, Lichter flackern in Studio K, Berlin-Adlershof. Der Countdown zum Showdown. „Begrüßen Sie Hugo Egon Balder!“, kreischt es aus den Lautsprechern. Beine stampfen auf den Boden. Dann tritt er auf die Bühne, lächelt, breitet die Arme zur Begrüßung aus. Christian Oberfuchshuber sagt „Hallo“.

Die falsche Ankündigung ist sein erster Test an diesem Abend. Wie das Publikum mitgeht, wie viel er zu tun haben wird. Christian Oberfuchshuber ist Warm-Upper, Anheizer der Zuschauer. Einer der meistbeschäftigten der Republik. In ganz Deutschland bringt er Zuschauer in Stimmung – für Moderatoren wie Marco Schreyl, Jürgen von der Lippe, Carmen Nebel oder eben Hugo Egon Balder, bei den „Hit Giganten“ auf Sat 1.

Oberfuchshuber steht in der Bühnenmitte, seine Stimme klingt jetzt krawalliger als noch im Gespräch. Wie die eines Kirmesansagers. Er muss die 400 jetzt in Stimmung bringen – und fernsehtauglich machen. Zehn bis 15 Minuten hat er üblicherweise Zeit, um ihnen zu erklären, dass sie ihr Handy ausmachen müssen, dass sie ihr Pipi von nun an einhalten müssen, dass In-die-Kamera-winken doof aussieht.

Oberfuchshubers Weg zum Warm-up führte über ein Callcenter. 1998, im Anschluss an seine Ausbildung als Hotelfachmann, bewarb er sich beim „TV Ticket Service“, einer Firma, die Zuschauerkarten für deutsche Fernsehshows verkauft. Ein erster Schritt Richtung Showgeschäft – „Ticket Service“ sitzt in Köln, dem damaligen Fernsehmekka Deutschlands. Er war nun für das Kartenkontingent von „stern TV“ und „Vera am Mittag“ zuständig, ging häufiger in die Shows seiner Stars, wollte sehen, „wie die Profis das machen“. Irgendwann begann die Firma kleine Quizshows vor den Aufzeichnungen in den Studiofoyers zu veranstalten. Irgendwann war auch das Praktikum der Praktikantin zu Ende, die die Quizshow verantwortete. Irgendwann verloste Oberfuchshuber also CDs in Köln. Sein zweiter Schritt Richtung Showgeschäft.

Die Ausbildung als Hotelfachmann schloss Oberfuchshuber pro forma ab. Das erklärte Ziel von Kindesbeinen an: eine Fernsehkarriere. Schon früh imitierte er Rudi Carrells „Herzblatt“-Moderationen vor dem Spiegel, organisierte später Quizshows in seiner Schule, die er selbst moderierte. „Klar, ich war ein Kasper“, sagt Oberfuchshuber. Bei einer seiner Foyer-Veranstaltungen fiel er Tony Eisermann auf, einem Warm-Upper, der unter anderem die Talkshow „Ilona Christensen“ verantwortete. Sein Talent sprach sich rum in der Branche. Es folgten Vertretungen bei Hans Meiser und „Bube, Dame, Hörig“. Oberfuchshubers Karriere lief an. Seine Konkurrenz hielt sich in Grenzen. In Deutschland kann man Warm-Upper, die von dem Job leben können, an zwei Händen abzählen. Pro Show verdient ein guter um die 600 Euro.

Rund 5000 Sendungen hat Oberfuchshuber in den letzten zehn Jahren betreut: Von „Popstars“ über „Was guckst Du?“ bis zur „Versteckten Kamera“; Shows mit Hape Kerkeling, Dirk Bach, Jürgen von der Lippe. Es mag daran liegen – am Kommen und Gehen der Moderatoren – dass Oberfuchshuber, nachdem er die Bühne betreten hat, ein anderer ist. Nicht der Privatmann Christian, der eben noch zum Gespräch bat, vielmehr eine Collage deutscher TV-Moderation: Kerkelingbachvonderlippe. Einmal tätschelt er die Köpfe seiner Zuschauer (von der Lippe), dann quiekt er sie an, „uiuiuiui“ (Bach) – und er hat dieses ätzende, nachsetzende Lachen, das Kerkeling oft lacht. Oberfuchshuber ist wandelnde Fernsehgeschichte.

„Begrüßen Sie Hugo Egon Balder!“, kreischt es wieder aus den Lautsprechern. Diesmal kommt der echte. Oberfuchshuber stellt sich hinter Balder. „Sobald der Moderator auf die Bühne kommt, muss man sich als Warm-Upper zurücknehmen“, hatte er vor der Show gesagt. Sein Platz ist jetzt hinter der Kamera. In den Werbepausen wird er zurück auf die Bühne kommen, klamauken, dass den Zuschauern nicht langweilig wird. Während der Show turnt Oberfuchshuber dem Publikum vor. Klatscht er in die Hände, tun es ihm die 400 gleich. Balder braucht ihn.

Nein, es schmerze ihn nicht, wenn er nach Showbeginn hinter die Kamera treten müsse, sagt Oberfuchshuber. „Ich überlege, was ich noch machen muss, um dort oben zu stehen.“ Natürlich ärgere er sich: Über sich selbst, dass er es noch nicht auf die Bühne geschafft hat. Über andere, die nicht moderieren können und trotzdem dort oben stehen. Namen nennt Oberfuchshuber nicht. Er ist Profi. Nach zehn Jahren.

„Man sollte aufhören, wenn man älter als der Moderator ist“, einzig dieser Satz steht für Oberfuchshuber wie in Stein gemeißelt. Er ist jetzt 30, hat noch etwas Zeit, fünf, sechs Jahre vielleicht. Die großen Moderationshoffnungen des deutschen Fernsehens sind alle älter als er. Marco Schreyl von RTL ist 34, der neue ZDF-Mann Markus Lanz 39 Jahre alt.

Neid wäre fehl am Platz. „Man muss sich als Anheizer gut mit dem Moderator verstehen – dann funktioniert’s“, hatte Oberfuchshuber vor der Show gesagt. In einer Werbepause nennt Balder ihn „Uschi“ – und die Zuschauer quietschen vor Glück. Diese Uschi-Nummer ist keine Selbstverständlichkeit. „Es gibt Moderatoren, mit denen kann ich überhaupt nicht“, sagt Oberfuchshuber. Auf beiden Seiten geht es um Eitelkeit – und um Revierkämpfe. Balder mag „den Christian“, wie er selbst sagt, „seinen Humor, seine Professionalität“. Der Warm-Upper sei „mit einer der wichtigsten Menschen im Team“. Oberfuchshuber kennt viele Moderatoren, die das nicht so sehen. Er hat gehört, dass Thomas Gottschalk Warm-Upper nicht mag. „Wetten dass..?“ ist eine der wenigen Sendungen im deutschen Fernsehen, die ohne Anheizer auskommt – weil Gottschalk keinen will, sein Publikum keinen braucht. Heißt es. Demnächst wird Oberfuchshuber bei der neuen Casting-Show des Show-Riesen anheizen. Er freut sich auf Gottschalk. „Vielleicht stimmen die Gerüchte ja gar nicht.“

Seit Anfang der Woche moderiert er das fünfminütige „Quiz oder Spliss“ im Sat-1-Magazin. Ein kleiner Einstreuer im Vorabendprogramm, er war den Verantwortlichen bei einem seiner Warm-Ups aufgefallen. Wie so oft. Klar nahm er das Angebot an. Es sind fünf Minuten, es ist ein Anfang. „Ich bin jetzt Oberfuchshuber daily“, sagt er breitgrinsend. Bei Sat 1 sehen sie eine Zukunft für ihn. Er „zeichnet sich durch ein hohes Maß an Spontaneität aus“, sagt der verantwortliche Redakteur Jürgen Meschede, der ihn für das neue Quiz verpflichtete. Es seien noch weitere Projekte mit dem Bayer geplant. Verraten wird noch nichts.

Bis er bei den Großen unterkommt, wird Oberfuchshuber beim Berliner Regionalsender FAB jetzt eine eigene Late-Night moderieren. Das Angebot ist noch ganz frisch, es kam am Donnerstag und Oberfuchshuber hat gleich eine Mail geschrieben: „Der Sender FAB Fernsehen aus Berlin hat sich entschieden, im Mai eine eigene Late-Night- Show zu starten. Mit mir als Moderator!!!!“ Vier Ausrufezeichen für seinen einen Traum.

Musik erklingt, Lichter flackern. Das Finale der „Hit Giganten“. Auf der Bühne singt George McCrae und vor der Kamera versammelt sich die Couch-Prominenz der Show. Verona Pooth drückt McCrae einen Kuss auf die Backe, Karl Dall klatscht. Christian Oberfuchshuber wiegt sich langsam im Takt, klatscht mit, lacht. Hinter der Kamera.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben