Fernsehen : Der stille Schalk

Familie und andere Katastrophen: „Copacabana“ zeigt Bruno Ganz von seiner tragikomischen Seite. Von den vergangenen Rollen ist zum Glück nichts zu spüren.

Christina Tilmann

Wer am Morgen fröhlich Rosen pflückt, wird am Abend Tränen ernten. Und tatsächlich lehnt Herbert (Bruno Ganz) am Abend am Balkonpfeiler seines schmucken Wochenendhauses und schluchzt ganz herzerweichend. Dass sein 35. Hochzeitstag nicht so verlaufen würde wie geplant, hätte er allerdings schon beim Frühstück ahnen können: Das liebevoll arrangierte Tablett, das er der schlafenden Gattin (Nicole Heesters) zur Feier des Tags ins Bett serviert, verteilt seinen Inhalt flugs über deren Dekolleté. Schon hängt der Haussegen schief.

Ein Familienfest mit allen nur möglichen Katastrophen richten Regisseur Xaver Schwarzenberger und Autor Stefan Rogall in der schwarzen Komödie „Copacabana“ mit schöner, böser Lust am Chaos an. Der Seitensprung der Ehefrau sowie eine still intrigante Großmutter (zu fit für ihre Rolle: Erni Mangold) spielen dabei eine entscheidende Rolle. Und alles eskaliert in einer schlaflosen Nacht, in der sich die (hormon)verwirrten Geister auf den Fluren des Wochenendhauses treffen. Da hilft auch der Kakao der Großmutter nichts. Sie wird ein anderes, finales Kunststück wählen müssen.

Xaver Schwarzenberger, der jahrelang als Kameramann für Rainer Werner Fassbinder gearbeitet hat, hat von seinem Meister gut gelernt, was den entlarvenden Blick auf bürgerliche Familienverhältnisse angeht: Die Großfamilie, die von allen Seiten anrückt, um das elterliche Jubelfest zu feiern, bringt im Kofferraum genügend Konflikte mit, um die Harmonie schon in den ersten Minuten zu zerstören. Sei es die kriselnde Ehe der Ältesten oder der Dauer-Freund-Verbrauch der Jüngsten, sei es das nie beendete Studium des Sohns oder dessen heimliche Affäre – alles wird innerhalb eines Tages zur Sprache kommen. Kein Wunder, dass Vater Herbert beim Fußballspiel im Garten eine Herzattacke bekommt.

Klingt wie eine Mischung aus Thomas Vinterbergs Dogma-Klassiker „Das Fest“ und einer gehörigen Portion TV-Soap – und eine ganze Menge altkluger Lebensweisheiten hat Stefan Rogall denn auch ins Drehbuch gepackt. Wenn das Ergebnis trotzdem eine überraschend spritzige, temporeiche Komödie durchaus mit Herz und Tiefgang geworden ist, dann vor allem wegen des großartigen Schauspieler-Ensembles.

Christiane Paul ist als frustrierte Angelika so wunderbar zickig und dabei so anrührend einsam, dass man ihr jeden Seitensprung gönnt. Devid Striesow brütet als Dauerstudent Mark so finster verstockt vor sich hin, dass man seine Freundin Sarah gut versteht, wenn sie das Weite sucht – und bekommt am Ende doch eine der schönsten Liebesszenen. Und Wotan Wilke Möhring als Angelikas Ehemann Harald ist die ganze Last des Hausmanns anzusehen, der es seiner anspruchsvollen Frau bei aller Liebe nicht recht machen kann.

Doch der Star des Films ist, endlich einmal wieder, Bruno Ganz als Familienvater Herbert. Er ist die tragische Figur und der verschmitzte Lebenskünstler, der leidenschaftlich Liebende und der geduldig Wartende zugleich. Anklänge an seinen liebenswürdig-schrulligen finnischen Kellner in Silvio Soldinis „Brot und Tulpen“ sind durchaus zu spüren, von vergangenen Kraftakten wie dem MarathonFaust von Peter Stein oder dem parkinson-geschädigten „Hitler als Mensch“ in Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ sind hingegen zum Glück keine Spuren geblieben. Da ist der stille Schalk, die schöne Leichtigkeit wieder, mit der Bruno Ganz so oft die deutsche Schauspiel-Familie zusammengehalten hat. Wenn er, der bei seiner Rede an der Familientafel im allgemeinen Trubel unterzugehen drohte, am Ende wieder lacht, hat auch die Familie ihr Zentrum wieder.

„Copacabana“, ARD, 20 Uhr 15

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