Fernsehen : Der Untergang der Samstagabendunterhaltung

Samstagabendshows am Tiefpunkt: Das ZDF setzt Tierkot-Wetten gegen das RTL-Dschungelfinale. Man wünscht sich Reich-Ranicki herbei, der den Scheiß entsorgt. Eine Kritik von Matthias Kalle.

Matthias Kalle

Ganz dicht scheinen Fernsehkritiker ja nun nicht zu sein – hat ihr Tun etwas Notorisches? Vor einer Woche schrieb ich an gleicher Stelle, dass die Dschungelshow auf RTL ganz schlechtes Fernsehen sei, völlig zu Recht bekam ich von den Tagesspiegel-Lesern den Hinweis, ich solle doch einfach den Fernseher ausmachen. Darunter waren auch einige, die zugaben, sich bei diesem Format gut zu amüsieren. Und vor einigen Wochen schrieb ich an gleicher Stelle über den Unterhaltungswert von „Wetten, dass...?“ – jetzt geht es um „Wetten, dass...?“ und um das Dschungelcamp vom vergangenen Samstag, ich kann doch auch nichts dafür, dass dem Fernsehen sonst nichts einfällt.

Sind Fernsehkritiker demnach Masochisten? Nein, sie sind Suchende, ich zum Beispiel suche seit Jahren nach den kleinen, großen, kostbaren Momenten, die einem nur das Fernsehen liefern kann, man findet sie immer noch ab und zu: wenn Hape Kerkeling bei „Wer wird Millionär“ ist; wenn in Madrid, vor einem Champions-League-Spiel, ein Tor umfällt; wenn Harald Schmidt gute zwei Minuten hat – Momente eben, in denen man vor dem Fernseher, dieser großen Sehnsuchtsmaschine sitzt, und denkt: Ja, so sollte manchmal das Leben sein.

So, wie der Samstagabend im Fernsehen war, so sollte es allerdings bitte nie wieder sein, denn der Samstagabend – vor langer Zeit einmal die Krönung der Fernsehunterhaltung –, war schlichtweg eine Katastrophe, nein, mehr noch: es war ein Tiefpunkt, etwas, von dem sich das deutsche Fernsehen möglicherweise nie wieder erholen wird.

Dabei fing es so langweilig an: Thomas Gottschalk kam mit „Wetten, dass...?“ nicht in Schwung, das lag an seinem ersten Gast, der hieß Jörg Pilawa und ist der Typ, der immer da ist, wenn man ARD einschaltet. Nach Pilawa folgte ein Ausschnitt aus dem Musical „Der Schuh des Manitu“ und spätestens da muss Gottschalk alle Zuschauer unter 30 an RTL verloren haben, wo die zweite Folge der neuen Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ lief. Da passierte aber überhaupt nichts (außer, dass Dieter Bohlen mit auswendig gelernten Gags Menschen, die nichts können, beleidigte), und bei „Wetten, dass...?“ kam dann immerhin Tom Cruise auf die Bühne, der meistgehasste Mann des deutschen Spießer-Feuilletons, aber der redete nicht einmal dummes Zeug. Und das war der Moment, wo man langsam unruhig wurde vor dem Fernseher, denn wo man hinschaltete passierte: nichts.

Man wünscht sich Reich-Ranicki herbei, der den Scheiß entsorgt

Die ZDF-Redakteure hatten – weil sie wohl dachten Cruise alleine würde reichen – einen Konsens-Zoo eingeladen, der an Harmlosigkeit kaum noch zu überbieten war: Peter Maffay, der zum zwölften Mal in der Sendung das immer gleiche Lied singen durfte; der Pausenhof-Komiker Michael Mittermeier, der sich zwei schlechte Cruise-Gags traute, als der Schauspieler nicht mehr da war; ein altes und ein junges Model – keinen Schimmer warum; der Mann von Heidi Klum, der anscheinend das Lied von Peter Maffay noch mal sang; und Desiree Nick, die man wohl eingeladen hatte, weil sie mal Dschungelkönigin war, und zeitgleich zu „Wetten, dass...?“ ja bei RTL die neue Dschungelkönigin gewählt wurde. Nick wünschte sich Ingrid van Bergen, Gottschalk auch, und die Frau, die ihren Lebengefährten erschoss, wurde dann auch schließlich vom Publikum gewählt, demnach könnten im Prinzip alle zufrieden sein. Doch dann kamen bei „Wetten, dass...?“ ein Mann und eine Frau auf die Bühne und rochen an Tierscheiße.

Und es ist jetzt wirklich mühsam, Ekelgrenzen, Sitte, Anstand und Moral im deutschen Fernsehen zu definieren, vor allem, wenn mal wieder irgendjemand aus einem ARD-Gremium meint, sich über eine Stauffenberg-Paraodie von Oliver Pocher aufzuregen. Aber, dass sich in einer Unterhaltungsshow zwei Menschen über Tierkot beugen, gefilmt im Großaufnahme, dass sie daran schnuppern und dabei erklären, wie das denn riecht – das ist nicht nur widerlich, das ist auch die dümmste Antwort, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf den Erfolg von „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ geben kann. Es schien auch beinahe so, als hätten Pilawa und Mittermeier verstanden, dass da gerade eine Grenze überschritten wurde, selbst Gottschalk wirkte während der Wette, als sei er gerade der Gast in einer anderen Show, als sei das nicht mehr seine Sendung, und als Zuschauer hoffte man die ganze Zeit, dass das jetzt mal aufgelöst wird, dass zum Beispiel Marcel Reich-Ranicki mit einem Mülleimer auf die Bühne kommt, und den ganzen Scheiß entsorgt.

Immerhin – wer das gesehen hat, wird später einmal behaupten können, er sei live dabei gewesen, als sich „Wetten, dass...?“ selbst zerstört hat. Knapp über zehn Millionen sahen zu (33,4 Prozent Marktanteil), das ist eine solide Quote für Gottschalk. „Deutschland sucht den Superstar“ sahen derweil fünfeinhalb Millionen (17,1 Prozent) und das Finale des Dschungelcamps sieben Millionen (24,4 Prozent).

Was sahen diese Menschen aber wirklich? Sie sahen das Ende der Samstagabendunterhaltung. Irgendwie also auch ein großer Fernsehmoment.

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