Medien : Fernsehen: Die Gewohnheit hat die Macht

Fernseh-Revolutionen in Deutschland zeichnen sich dadurch aus, dass sie scheitern. Und die Revolutionäre sind auch noch selber an ihrem Scheitern schuld. Im Frühjahr 1996 sind vier Privatsender unter Führung von Leo Kirch auf die Barrikaden der "Tagesschau" gestürmt. Sat 1, Pro 7, Kabel 1 und RTL wollten mit dem Start ihres Abendprogramms um 20 Uhr den Fernseh-Deutschen die Gewohnheit austreiben, erst um 20 Uhr 15 an etwas anderes als an die Hauptnachrichtensendung der ARD zu denken. Die Revolution erreichte das Fernsehvolk nicht und wurde am Jahresende ganz abgeblasen. Reumütig kehrten die Revolutionäre zu 20 Uhr 15 zurück. Sie hatten viel Geld verloren, aber aus der Vergangenheit und für die Zukunft nichts gelernt. Seit 1984, als das Privatfernsehen durch einen revolutionären Akt von außerhalb, durch die konservative Politik, geboren worden war, hatten die Sender die so genannte Primetime stets an der Schlussfanfare der "Tagesschau" ausgerichtet. Sie hatten die Nutzungsgewohnheiten vieler Millionen Zuschauer nicht nur respektiert, sondern zugleich zementiert. Denn das will Fernsehen bei allem Gejuchze über Highlights, Events und Extraordinärem auch sein: ein Alltagsritual, das seine Teilnehmer so beständig begleitet wie Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.

Die Lehre von 1996 jedoch hat die Sekte der "Kirchianer" nicht bekehrt. Mit "ran" um 20 Uhr 15 sollte erneut eine über Jahrzehnte entwickelte Gewohnheit der fernsehenden Bevölkerung geknackt werden: die televisionäre Unterrichtung über die Fußball-Bundesliga in großer Zeitnähe zum Abpfiff in den Stadien. Diese Revolution dauerte, anders als 1996, nur knapp einen Monat. Kirch hat schnell begriffen und noch schneller gehandelt.

Vorsicht vor dem Fernsehvolk

Massenattraktives Fernsehen rollt am besten auf der Schiene der Gewohnheit. Das Medium muss deswegen nicht eines Tages stehenbleiben, es muss nur genau beachten, dass neue Gewöhnungen nicht gegen liebgewonnene, als sinnvoll erkannte Gewohnheiten gestellt werden. Neuerungen à la "Big Brother" sind drin, dito das Ende überkommener Programme wie die "Hitparade". Aber wehe dem Fernsehsender, der glaubt, er müsse im Rausch selbstbestimmter Geschwindigkeit das Fernsehvolk zwangsbeglücken. Da wird das Fernsehvolk störrisch und erkennt in der angeblichen Fernsehrevolution nur eine unzulässige Revolte. Armer Leo Kirch, der in Unterföhring die "ran"-Revolution ausrief und schon in München die Fahne einrollen musste.

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