Fernsehen : Die Überflieger

Der „Tatort“ aus Münster nimmt innerhalb der ARD-Krimireihe eine immer skurrilere Sonderrolle ein. Denn der lebt vor allem von den zwischenmenschlichen Verwicklungen, was aber oft zu Diskrepanzen zwischen Drehbuch und Regie führt.

Kurt Sagatz
tatort
"Ich kann mich nicht erinnern, Ihnen das Du angeboten zu haben" -Foto: WDR

In welcher Beziehung der germanische Gott Wotan und Alberich, der Zwergenkönig aus dem Nibelungen-Lied, standen, ist nicht überliefert. Das mag vor allem daran liegen, dass diese Epoche in den Nebeln der Geschichte versunken ist. In der Fernsehgegenwart verstehen sich die beiden hingegen prächtig, auch wenn sich dahinter im „Tatort“-Krimi aus Münster mit dem Titel „Krumme Hunde“ ganz andere Geschöpfe verbergen. Wotan ist ein Kalb von einem Hund, das am liebsten Wiener Würstchen aus Kalbfleisch verspeist. Sein Herrchen, nur in den ersten Minuten des Films halbnackt und blutverschmiert zu sehen, ist ein Privatdetektiv und das Opfer eines heimtückischen Mordes. Er haucht sein Leben auf einer Baustelle inmitten einer Pfütze aus Säure aus. Seine Dogge, der treue Freund des Menschen, wird von Silke Haller (Christine Urspruch) adoptiert, besser bekannt unter ihrem Spitznamen Alberich als die kleinwüchsige Assistenten von Münsters bekanntestem TV-Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) – zumindest für diese Folge. Zum norddeutschen Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) hätte Wotan auch gar nicht gepasst. Denn zu all sein Marotten kommt seine Angst vor Hunden.

Doch der Hund ist nur der Runnig Gag, der durch die Gerichtsmedizin streift. Ansonsten dreht sich dieser „Tatort“ um Familien, ihre Traditionen, aber auch um ihre dunklen Seiten. Die Familienverhältnisse von Kommissar Thiel und seinem unsteten Vater Herbert (Claus. D. Clausnitzer) sind leidlich bekannt. Beide werden wohl nie zusammenkommen, auch wenn Herbert Thiel seinem Sohn dieses Mal sogar seine Quasi-Stiefmutter Asha präsentiert, die er nach dem indischen Hindu-Ritus geheiratet hat, der in Deutschland jedoch nicht rechtsgültig ist. Immerhin lässt sich Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) von deren Mantra-Weisheiten beeindrucken, die Asha leicht sächselnd vorträgt.

Für die Handlung erheblich bedeutsamer ist die zweite Familiengeschichte, die in der Industriellenfamilie Rummel angesiedelt ist. Junior Markus Rummel interessiert sich mehr für die Hobbyfliegerei, zumindest ist er dabei offensichtlich erfolgreicher als bei der Weiterführung des von seinem Vater aufgebauten Betriebes. Und er hat noch eine andere Leidenschaft für seine äußerst zielstrebige Assistentin Christine, an der nicht nur im Betrieb niemand vorbeikommt.

Familiengeschichte drei spielt sich bei den Boernes ab. Karl-Friedrichs ebenso betagter wie gut situierter Onkel Rudolf (Traugott Buhre) wird 100 und zwischen dem Mediziner und seiner Cousine Henriette kommt es zum Wettkampf um die Gunst des potenziellen Erbonkels. Allerdings sind stille Wasser tief, und Onkel Rudolf war nicht immer schwerhörig und an den Rollstuhl gefesselt. So kommt es, dass der TV-Mediziner Boerne über den altdeutschen Begriff Bankert für ein uneheliches Kind sinnieren darf.

So typisch das alles für einen „Tatort“ aus Münster ist, so wenig war selten von dieser Stadt in der westfälischen Provinz zu sehen. Keine Autofahrt über den Prinzipalmarkt mit Blick auf St. Lamberti, wo einst die Wiedertäufer in Käfigen am Kirchturm hingen. Und auch der St.-Paulus-Dom mit seinen prägnanten mit Grünspan überzogenen Kupferdächern kommt nur ganz kurz ins Bild, aus äußerst ungewöhnlicher Perspektive eines Motorseglers.

Wie so oft lebt darum auch dieser Münster-„Tatort“ vor allem von den zwischenmenschlichen Verwicklungen, dafür stehen nicht zuletzt die Autoren Stefan Cantz und Jan Hinter, die bereits zum sechsten Mal das Buch verfassten. Für den „Tatort“ erprobten Regisseur Manfred Stelzer ist es der zweite ARD-Krimi aus Münster. Dabei haben Buch und Regie vor allem mit einem Problem zu kämpfen. Während Boerne und Thiel als Einzelpersonen ihre Besonderheiten immer überzeugender präsentieren können, gelingt es kaum noch, die gegenseitige Widerborstigkeit aufrecht zu halten. In einer Szene redet der Kommissar den Mediziner versehentlich mit „Du“ an und Boerne erkundigt sich verwundert, wann er Thiel diese Anrede gestattet hat. Der Streit in dieser Szene schließt das zwar tatsächlich aus, ansonsten fragt sich der Zuschauer im 13. Münster-„Tatort“ schon, wie lange der bärbeißige St.-Pauli-Fan seine demonstrativ zur Schau getragene Antipathie gegen den Society-Snob Boerne noch aufrecht erhalten will – vor allem, wenn dieser den Streit mit einem Six-Pack Bier beizulegen versucht. Dass dieses „Tatort“-Duo dennoch funktioniert, liegt an den kriminalistischen Geschichten selbst. Sicherlich wäre dieser Münster-Krimi ohne Originale wie Christine Urspruch, Mechthild Großmann und Claus D. Clausnitzer nur halb so unterhaltsam. Dennoch muss es den Autoren immer wieder gelingen, genügend Spuren zur Aufklärung des Verbrechens zu legen. Typisch Münster daran ist, an welchen Orten die Beweise versteckt werden – wobei man wieder bei Alberich und Wotan wäre.

„Tatort: Krumme Hunde“; ARD, 20 Uhr 15

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