Fernsehen für Babys : Windelweiches Programm

Babys waren für TV-Sender bisher als Zielgruppe tabu. Nun gibt es einen US-Sender speziell für die Kleinsten. Eltern sind begeistert.

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Mehr als 90 verschiedene Formate bietet „Baby First TV“ an. Der Sender kann in den USA von 50 Millionen Haushalten empfangen werden. Sogar unter Kinderpsychologen hält sich die Kritik an dem neuen Programm in Grenzen. Foto: Marina Raith/Mauritius
Mehr als 90 verschiedene Formate bietet „Baby First TV“ an. Der Sender kann in den USA von 50 Millionen Haushalten empfangen...Foto: Mauritius

Eigentlich gibt es für jede Zielgruppe inzwischen einen Spartensender: Sport- und Kochkanäle, testosteronschwere Macho-Programme, sogar Hunde haben mit Dog TV ihr eigenes Programm. Nur eine Zielgruppe galt bisher als tabu: Babys und Kleinstkinder. Doch ausgerechnet sie hat ein US-amerikanischer Sender nun für sich entdeckt. „Baby First TV“ will Programm für die Altersgruppe der Sechsmonatigen bis Dreijährigen machen. Eltern sind offensichtlich dankbar über die erweiterte Beschäftigungsmöglichkeit für ihre Kleinsten – und bekommen dabei sogar Unterstützung von Pädagogen.

In 50 Millionen US-Haushalten ist "Baby First TV" empfangbar

Sicher, Fernsehen für Kinder gibt es schon lange: der Kinderkanal Kika, Disney Channel und Nickelodeon werden sowohl in Deutschland als auch in den USA gesehen. Doch die Zielgruppe dieser Sender waren bisher immer Kinder ab drei Jahren. Darunter ging nichts – bis jetzt: Wer noch in die Windel macht, für den sendet „BabyFirst TV“.

Zwar gibt es das Programm bereits seit 2006, doch erst jetzt kommt das Programm in Schwung, auch dank einer Kooperation mit den Kabelanbietern Time Warner Cable und Comcast. Mehr als 90 verschiedene Programmformate bietet „Baby First TV“ an, empfangbar ist der Sender allein in den USA in mehr als 50 Millionen Haushalten, auch auf Youtube.

25 Stunden sitzen die Kleinsten pro Woche vorm Apparat

Wie gefragt das Programm ist, zeigt eine aktuelle Untersuchung der gemeinnützigen Kaiser Family Foundation. Zwei Drittel der amerikanischen Kinder unter zwei Jahren sehen demnach regelmäßig TV und Videos, die meisten sogar täglich. Für die Zwei- bis Vierjährigen wurde eine wöchentliche TV-Nutzungszeit von wöchentlich 25 Stunden ermittelt.

Dabei ist selbst in Amerika umstritten, ob Babys überhaupt fernsehen sollten. Der Branchenverband der Kinderärzte findet, dass Kinder unter zwei Jahren überhaupt nicht vor den Fernseher gehören. Doch ist diese Forderung der Experten tatsächlich realistisch?

Wie schwierig es ist, Kinder fernsehfrei zu erziehen, können vermutlich alle Eltern nachvollziehen. Mir genügt ein schneller Blick ins Wohnzimmer: Mein Sohn Harvey ruft: „I want to watch Choo-Choos“, doch „Thomas, die kleine Lokomotive“ läuft erst in einer Stunde. Gut dass „Curious George“ schon durch die Stadt turnt, sonst käme ich hier überhaupt nicht zum Arbeiten. „Coco, der neugierige Affe“ – so George's deutsches Pendant – geht immer. Mein Zweijähriger kann sich an den Abenteuern des pfiffigen Primaten gar nicht sattsehen.

In den USA gibt es keine bezahlte Elternzeit

Ich hatte mir das anders vorgestellt, damals vor Harvey’s Geburt. Der Fernseher sollte eigentlich tabu bleiben. Doch irgendwann hat man die kinderfreundlichen Museen und den Zoo durch, auch auf dem Spielplatz kann man höchstens ein oder zwei Stunden abhängen. Und dann muss der „elektronische Babysitter“ ran – bei vielen Amerikanern früher als ihnen lieb ist. Das liegt nicht etwa an deren offener Einstellung zu Medien, sondern an den sozialen Strukturen. In den USA gibt es bis heute keine gesetzlich geregelte Elternzeit. Hier ist es keine Seltenheit, die Kinder schon mit drei Monaten in die Kita zu bringen.

Wer so früh die Verantwortung abgeben muss, integriert auch schnell den Fernseher ins Kinderbeschäftigungsprogramm. Aber ist das wirklich so schlimm? Früher lernte Baby eben von Mama und Papa, dass das Auto „blau“ ist und der Bus „rot“. Heute springt die „Color Crew“ ein, ein Dutzend fröhlicher Buntstifte, die zu den gezeichneten Serienstars auf „Baby First TV“ gehören. Die Formen von Kreis, Quadrat und Dreieck lernen die kleinen Zuschauer bei „Bloop & Loop“ kennen, zwei Seifenblasenmännchen, die an die Teletubbies erinnern. Ferner im Programm von „Baby First TV“: Abzählreime mit dem Hasen Harry und Tiergeräusche mit „Tillie Knock Knock“, einer kleinen gelben Ente. Drei bis sieben Minuten dauern die Clips, länger können die Kleinen auch nicht folgen.

Das Programm ist werbefrei

Das Programm ist zwar werbefrei, Sponsoren gibt es aber trotzdem, darunter Honest Co., ein Hersteller von Bio-Produkten für Babys. Und ABC Mouse, eine Lern-Website für Kinder. Unmengen wird der Sender damit nicht verdienen, dafür sind die Kosten niedrig. Die einfach animierten Sendungen werden in Israel programmiert, das gesamte Programm soll im Jahr weniger als 7,5 Millionen US-Dollar kosten. Der Privatsender will ab dem vierten Quartal profitabel sein, heißt es. Genaue Zahlen legt er nicht vor.

Glaubt man den Machern von „BabyFirst TV“, geht es aber auch gar nicht ums Geld, sondern um ein erweitertes Angebot für die Kleinen. Eltern sollten „möglichst viele Mittel nutzen“, die frühe Entwicklung der Kinder zu fördern – altersgerechtes Fernsehen gehöre da eben dazu. Das meint jedenfalls Edward McCabe, Professor für Kindermedizin an der Universität von Los Angeles und Berater des Senders. Andere Experten stimmen zu. Sie sei zwar keine große Befürworterin für allzu frühes Fernsehen, sagt etwa Kinderpsychologin Ari Brown dem „Wall Street Journal“. Doch Schaden dürften die jungen Zuschauer nicht davontragen. Selbst wer regelmäßig „Baby First TV“ einschalte, werde dadurch „wohl nicht zum Massenmörder“.

Eine Kinderärztin klagte gegen den Sender

Gegenstimmen gibt es selbstverständlich auch. Experten an der Medizinischen Fakultät der Universität von Washington raten von allen TV-Experimenten ab: „Kinder unter zwei sollten überhaupt nicht vor den Bildschirm gesetzt werden.“ Die Kinderärztin Allen Kramer hat mit ihrer „Kampagne für eine werbefreie Kindheit“ gegen den Windel-Sender geklagt. Die Macher würden nicht auf die Risiken von frühem TV-Konsum hinweisen, beschwert sie sich bei der zuständigen US-Behörde.

Doch auch Kritiker kommen an einer Tatsache nicht vorbei: Immer mehr Kleinkinder schauen nun einmal fern. So stellt sich längst nicht mehr die Frage, ob Babys fernsehen dürfen, sondern: Was sie sehen sollen. Dass es lehrreiche Programme für Kinder geben kann, beweist die „Sesamstraße“ seit Jahrzehnten – warum also sollten die Kleinsten außen vor bleiben?

Ich leugne es nicht: Wenn mein Sohn Harvey mit nicht einmal drei Jahren mein iPad schnappt, ganz alleine Netflix findet und die nächste Folge von „Curious George“ anklickt, dann macht mich das auch ein wenig stolz.

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