Fernsehen : Gehirnjogging statt Fußball

Der Sportmoderator Tom Bartels lädt im Ersten zum großen Gedächtnistest ein. Seine Stimme kennen alle, sein Gesicht wiederum nicht. Doch das wird sich vielleicht bald ändern. Bartels soll mit Prominenten für Quote im öffentlich rechtlichen Abendprogramm sorgen.

Frank Bachner
Bartels
Der Fußballmoderator Tom Bartels schlüpft in die Rolle des Quizmaster. -Foto: dpa

Diese Stimme. Die meisten Zuschauer werden im ersten Moment nur diese Stimme einordnen können. Tom Bartels hat eine sonore, angenehme Stimme. Man sie kennt sie aus unzähligen Fußballübertragungen, man kennt sie auch vom Endspiel der Europameisterschaft. Bartels hatte das Finale kommentiert.

Aber das Gesicht zur Stimme, das kennen viele nicht. Bartels hat zwar ein paar Sportsendungen in dritten Programmen moderiert, manchmal tauchte er auch bei Fußballübertragungen im Bild auf. Aber er ist kein Kerner, kein Beckmann. Er wird auch morgen noch nicht so bekannt sein wie Kerner, aber morgen werden Millionen Zuschauer dieser Stimme ein Gesicht zuordnen können. Tom Bartels moderiert am Dienstag „Deutschlands größter Gedächtnistest“. Die ARD nennt die Sendung selber Show, das gehört zur PR. In Wirklichkeit ist es eher ein Quiz mit prominenten Gästen, darunter – die Quote muss stimmen – Johannes B. Kerner, das Gesicht des ZDF. Dazu darf noch ein Experte erzählen, wie das Gedächtnis funktioniert. Vielleicht teilt der Wissenschaftler ja sein gesammeltes Wissen in Versform mit, irgendwie muss der Showcharakter ja erfüllt werden.

Eine dieser vielen „Der größte ...“-, „Die längste ...“-, „Die schwierigste ...“-Sendungen. Hauptsache der Superlativ wird im Titel untergebracht. Interessant ist eigentlich nur, dass Bartels moderieren darf. Offenbar setzt sich sein senderinterner steiler Aufstieg fort. Er kam, nach zehn Jahren bei RTL und Premiere, erst 2006 zur ARD zurück, für die er von 1993 bis 1996 ge arbeitet hatte, genauer gesagt: für den damaligen Südwestfunk. Schon zwei Jahre nach seiner Rückkehr durfte er das EM-Finale kommentieren, eine bemerkenswerte Entscheidung.

Die Frage lautet nun: Kann der das? Ein Quiz moderieren? Bartels, der Sport experte? Die Antwort lautet: Es spricht wenig dagegen, gerade so eine Sendung dürfte ihm liegen. Bartels ist selbstverständlich eitel, sonst wäre er nicht an eine exponierte Stelle im Fernsehen gerückt. Er gibt das ja auch zu: „Wer nicht erkannt werden möchte, ist in unserem Beruf falsch.“ Aber der 43-Jährige ist keiner dieser selbstverliebten TV-Menschen, die am liebsten vor sich selber in die Knie gehen würden, um sich anzubeten. Bartels ist ein eher ruhiger, sachlicher Mensch, der auch in spannendsten Momenten einer Fußballübertragung nicht in die Marktschreierrolle abdriftet, die viele seiner Kollegen so beherrschen. Man kann sich Bartels im Moment schwer als Talkmaster vorstellen, der gefühlig Interviews führt. Aber ein eher nüchternes Quiz gut zu moderieren, das traut man ihm zu.

Ein Sportreporter muss ja nach nicht per se ungeeignet für andere Formate sein. Es gibt genügend Showmaster oder auch Nachrichtenmoderatoren, die aus dem Sport kamen. Entscheidend ist nur, wie sie im Sport gearbeitet haben. Dass Leute wie Johannes B. Kerner und Reinhold Beckmann in ihren Talkshows für Millionen das ideale Feinbild abgeben, hat viel mit ihren Interviews im Sport zu tun. Anbiedernd, unkritisch, oberflächlich, so war und ist der überaus zutreffende Eindruck, den überträgt man dann auf den gesamten Auftritt. Kerner hatte sich mit seinen Fragen an Matthias Sammer zur Lachnummer gemacht, als Sammer noch Trainer von Borussia Dortmund war und mit seinem Team gegen Brügge verloren hatte. Kerner damals: „Also, ich tu mich jetzt schwer, ’ne Mannschaft, nur weil sie das nicht geschafft hat, in die Champions League einzuziehen, jetzt irgendwie zu beerdigen.“ Und Beckmann sülzte sich bei „ran“ auf Sat 1 ins Abseits.

Mag sein, dass Beckmann in seiner gleichnamigen Sendung ölig rüberkommt, aber er stellt oft genug die richtigen Fragen. Außerdem ist es naiv, zu glauben, dass ein Großteil der Zuschauer um 22 Uhr 45 noch harten, investigativen Journalismus erwartet. Auch der Talkmaster Kerner hat seine Dosis an Anbie derung und Oberflächlichkeit verringert. Der Interviewer Kerner fragt allerdings zur Primetime, bei Fußballübertragungen, oft genug noch so zahnlos wie früher.

Tom Bartels ist clever genug, die Erwartungen an seine Sendung und seine Leistung nicht zu hoch zu schrauben. „Ich bin nicht so vermessen, mich schon mal vorab für den Erfinder der kommenden Showunterhaltung zu halten“, sagt er. „Wir sprechen über eine Show, die ich moderiere. Dann sehen wir mal weiter.“

„Deutschlands größter Gedächtnistest“, ARD, 20 Uhr 15

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