Fernsehen : Gemütlich kann er nicht

"Die große Flatter": Aus Hans-Jürgen wurde Richy Müller. Der spielt jetzt einen "Tatort"-Kommissar. 27 Jahre lang hat er Berlin aufgemischt, jetzt lebt er in Bayern.

Katja Hübner
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Richy Müller. -Foto: SWR

Wenn es möglich ist, fährt Richy Müller mit 300 Kilometern pro Stunde auf der Autobahn. Dann sitzt er in seinem Porsche, schaltet den höchsten Gang ein und lässt die Gedanken hinter sich. Mit so einer Geschwindigkeit kann man schnell mal jemanden abhängen. Hält man sie durch, landet man ganz vorn.

Das „Ritz-Carlton“ in Berlin ist eine gehobene Hoteladresse. Dort gibt Richy Müller Interviews zu seiner neuen Rolle als „Tatort“-Kommissar. Von den Journalisten, die erfahren wollen, ob er es nun geschafft hat, will er aber nichts wissen. „Was soll ich denn schaffen“, fragt er, „dass ich zwei Mal im Jahr drehe und finanziell gesichert bin? So etwas interessiert mich nicht.“

Er trägt einen dicken blauen Rollkragenpullover mit Zopfmuster, dazu Jeans. Bodenständig sieht er aus. Ein Bild, das zu seinem Landleben passt, für das er sich entschlossen hat, als seine Tochter 16 und „flügge“ wurde. 27 Jahre lang wohnte er in Berlin, vor vier Jahren ging er nach Bayern. Er sagt: „Es hat mich gereizt, wieder dahin zurückzukehren, wo ich hergekommen bin.“

Richy Müller ist auf dem Land groß geworden. Als Hans-Jürgen Müller 1955 in Mannheim geboren, zog er mit neun Jahren in eine Gegend von Wiesen, Wäldern und Feldern. Er war fast immer draußen. Er streunte mit seinen Kumpels durch die Gegend, klaute Früchte und wurde von der Wildschutzpolizei gesucht. Weite ohne Grenzen. Es gab genug Luft, die Jahreszeiten und ausreichend Boden. Mehr brauchte er nicht. Das ist auch heute noch so. „Die Natur ist für mich wie Balsam. Ein Lebenselixier.“

Wie er da sitzt und das sagt, erinnert er irgendwie an einen Baum. Ruhig, stark und aufrecht. Als ob selbst die stärkste Böe ihn nicht entwurzeln könnte. Plötzlich presst er die Finger der linken und der rechten Hand gegeneinander und holt tief Luft. „Das ist gut für das Gleichgewicht“, sagt er. Der Halt, der kommt von innen. Genau das ist auch sein Prinzip: Bei allem, was passiert, das Positive sehen. Nicht aufgeben, sondern hoffen.

Seine gerade Haltung hat er aus seiner Zeit als Turner mitgebracht. Acht Jahre lang hat er seinen Körper „zwölf Stunden in der Woche geschunden“. Er war in der Auswahl von „Jugend trainiert für Olympia“, das große Ziel hieß Montreal 1976. Aber wo viel Platz ist, ist nicht unbedingt viel Zeit: Als er 1971 mit seiner Lehre als Werkzeugmacher anfing, gab er den Leistungssport auf. Was er davon mitnahm, waren kaputte Füße, eine verspätete Pubertät, den Handstandüberschlag und eine gewisse Vorstellung davon, was Disziplin heißt. Die, so sollte sich später herausstellen, ist äußerst wichtig für den Schauspielerberuf. Der kleine Hans-Jürgen mimte gern den Pausenclown. Er war ein Sprücheklopfer und unterhielt die Leute mit Witzen und Geschichten, die er im Wirtshaus seiner Eltern gehört hatte. „Irgendwie musste ich ja auf mich aufmerksam machen“, sagt er selbstironisch. Seitdem er turnte, war er nicht mehr viel gewachsen. Als hätte der Körper das vor Anstrengung nicht geschafft. Mit 16 war Richy Müller nur knapp 1,50 Meter, viel zu klein für sein Alter.

Dass man Schauspiel studieren konnte, erfuhr er, als er 21 war. Da rackerte er bereits seit anderthalb Jahren in einer Fabrik. Der Odenwald war zwar groß, doch die Vorstellung vom Leben mitunter klein. Er erklärt es so: „Der Einfluss, den man bekommt, prägt den Menschen. Ich kannte nichts anderes. Ich lebte wie in Watte gepackt.“ Eines Abends fragte ihn ein Kumpel: „Warum gehst du eigentlich nicht auf eine Schauspielschule?“

Das Wort war für Richy Müller wie eine „Initialzündung“. Neun Monate später sprach er in Bochum vor. Und wurde genommen. Als einziger Schüler jemals „einstimmig“, wie es heißt. Ein wenig Stolz zeichnet sich auf seinem Gesicht ab, wenn er von seiner Aufnahmeprüfung erzählt. Er spielte aus Goethes „Egmont“ und aus Max Frischs „Andorra“ vor, Stücke, mit denen er vorher nicht unbedingt in Berührung gekommen war. Aber vielleicht wurde gerade das zum Auslöser für seinen Erfolg: Er war unvoreingenommen. Er hatte keine Vergleiche und kannte nur sich. So etwas kann stark machen. Und selbstbewusst.

„Ich habe die Begabung“, sagt er, „dem Zuschauer eine Projektionsfläche zu bieten. Das, was ich tue, kann er mit seinen eigenen Vorstellungen verbinden.“ Zurückhaltung bestimmt sein Spiel. Er agiert wenig. „Ich bin mehr der Augenmensch“, erklärt er, „ich erzähle viel durch sie.“ Die blauen Augen, die große Nase und die Narben, die sich als Furchen in seine Lachfalten schmiegen – sein Gesicht ist wie eine Erfindung. Es macht ihn zum Verführer oder zum Schalk, es ist anziehend oder abstoßend, sanft oder verrucht.

Das erste Mal, als dieses Gesicht vor der Kamera erschien, war 1979. In dem Film „Die große Flatter“ von Marianne Lüdcke spielte Richy Müller den Halbstarken Richy, der mit seiner Familie in einer Obdachlosenwohnung am Stadtrand von Berlin lebt und versucht, mit einem Überfall auf ein Juweliergeschäft „die große Flatter“ zu machen. Der Film wurde mehr als ein Film. Als Sozialstudie hielt er Einzug in den Lehrplan des Deutschunterrichts einiger Bundesländer. Und aus Hans-Jürgen Müller wurde plötzlich Richy Müller. „Alle nannten mich nach dem Film so“, erzählt er, „der Name war Markenzeichen. Nur für meinen Vater blieb ich immer Hans-Jürgen.“

In den 80ern stellte er Berlin auf den Kopf. Es war seine Sturm-und-Drang- Zeit, mit viel Lärm, Radau und wenigen Rollenangeboten. „Wir fühlten uns toll, weil wir dachten, wir könnten die Welt verändern“, sagt er, „dabei waren wir einfach nur laut.“ Wenn man den 52-Jährigen jetzt so sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass er mal auf „die Kacke“ gehauen haben soll. Nicht nur seine randlose Brille lässt ihn auf einmal so seriös erscheinen. Das Alter scheint ein Wunderding zu sein – es dämpft einen.

„Wenn ich etwas tue, versuche ich es mit aller Liebe zu tun“, erklärt Richy Müller. Was er spielt, probiert er zu denken und zu empfinden. Ob als Schuldeneintreiber in Rainer Kaufmanns „Die Apothekerin“, als ehemaliger Terrorist in Christian Petzolds „Die innere Sicherheit“, als U-Bahn-Fahrer in Nicolai Rohdes „Zwischen Tag und Nacht“ oder als Vater in Michael Kliers „Farland“ – immer ist er die perfekte Besetzung. Er spielt einem nichts vor. Er sagt: „Wenn ich weinen soll, dann muss die Situation auch so stimmen, dass sie mich zum Weinen bringt.“

Ehrlicher kann man sich einen Kommissar eigentlich nicht vorstellen. Am 9. März ist Richy Müller erstmals im neuen Stuttgarter „Tatort“ als Thorsten Lannert zu sehen. Eine tolle Rolle, wie er findet: „Ich bin vollauf begeistert. Ich konnte bei meiner Figur Wünsche äußern und wollte unbedingt, dass Lannert lebensbejahend und positiv ist. Ein Hoffnungsträger.“ So wie er selbst. Ein Baum, der nicht umfällt. Und wie er fährt auch Thorsten Lannert einen Porsche, um schnell unterwegs zu sein. „Ich kann einfach nicht so gemütlich, das geht nicht“, sagt Richy Müller. „Egal ob mit dem Auto, auf dem Fahrrad oder beim Skilaufen, ich gehe immer in den Grenzbereich.“

Jeden Dienstag kauft er sich die Zeitschrift „Motor Sport Aktuell“. Er hat als Rennfahrer schon beim Porsche Super Cup und beim Porsche Carrera Cup teilgenommen. „Bei so einem Rennen “, sagt er, „ist nicht die Höchstgeschwindigkeit wichtig, sondern dass man das Fahrzeug am Limit hält.“

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