Fernsehen : History im Windkanal

Thomas Kausch lüftet das „Geheimnis Geschichte“ im ARD. Er wird sich dabei mit Guido Knopp vom ZDF messen lassen müssen. Die Sendung soll ein jüngeres Publikum anziehen.

Moritz Gathmann
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Moderator Thomas Kausch. -Foto: ARD/MDR

Nach „Tagesthemen“ und Schmuddelwetterbericht erwartet den Zuschauer heute im Ersten zwar kein Tatort, dafür aber eine halbe Stunde „Geschichte als Krimi“. So kündigt die ARD das Format ihres neuen Magazins „Geheimnis Geschichte“ mit Thomas Kausch an. In der ersten Folge nimmt sich der ehemalige Sat-1- Nachrichtenchef ein Thema vor, das in der Öffentlichkeit zuletzt in Zusammenhang mit der Ex-Moderatorin Eva Herman heiß diskutiert wurde. In „Die Nazis und die Mütter“ stellt Kausch der nationalsozialistischen Propaganda die Wirklichkeit gegenüber: wie die Nazis zuerst die Frauen aus dem Arbeitsleben verdrängten, um sie ab 1940 wieder zurück in die Fabriken zu holen.

Kausch ist in der Bewertung eindeutig – die Absichten der Nazis waren „bösartig“ –, aber er blendet den vermeintlichen Reiz des Systems nicht aus: Viele Frauen – Stichwort Mutterkreuz – fanden es „angenehm“, dass ihre Leistung in Familie und Haushalt endlich anerkannt wurde, so die Historikerin Kirsten Heinsohn im Film. Kausch zieht noch andere Beispiele wie das „Kindergeld“ heran, das seine Wurzeln in der NS-Zeit hat. Eine Überraschung ist auch eine ehemalige Führerin im Bund Deutscher Mädel (BDM), die berichtet, wie sie dazu aufgerufen wurde, sich von der elterlichen Autorität zu befreien. „Das Leitbild der bürgerlichen Familien soll zerstört werden“, heißt der Kommentar. Bitte? Ist das nicht eine Forderung der 68er? Wie beim Kindergeld wäre dies, auch wenn der Film dies nicht direkt erwähnt, eine weitere Parallele, deren Unterschiede man nur im Gesamtzusammenhang erkennen kann.

Kausch wird sich mit der von Guido Knopp geleiteten Reihe „ZDF-History“ messen müssen. Mit 1,3 Millionen Zuschauern im Durchschnitt ist sie Marktführerin unter den Geschichtsreihen. Die Macher von MDR und NDR setzen Knopp ihr Magazin-Format entgegen, das äußerlich an die Infotainment-Sendung „Galileo“ auf Pro Sieben erinnert, inhaltlich jedoch „den Gütestempel der ARD trägt“, wie Wolfgang Fandrich, stellvertretender MDR-Chefredakteur, versichert. Kausch lädt Gäste in sein Studio ein – ein Windkanal aus den 30er Jahren in Adlershof – , besucht sie zum Interview. Einspielfilme und O-Töne aus dem Radio unterstützen die Themenführung.

Neben den optischen Experimenten soll Kausch das jüngere Publikum anziehen – und tatsächlich kommt er smart und seriös über den Sender. Ein guter Start für die Reihe. Ob sie stets „entweder eine neue Info bringen oder etwas Neues zur aktuellen Diskussion beitragen“ kann, wie Fandrich sagt, wird sich zeigen. Für die zweite und vorerst letzte Folge am 19. Dezember hat Kausch neue Erkenntnisse angekündigt: Rechercheure haben in Russland ein Dokument gefunden, aus dem hervorgehen soll, dass die Sowjets 1945 im Ostteil Deutschlands Weihnachten abschaffen wollten. Moritz Gathmann

„Geheimnis Geschichte“, 23 Uhr 30, ARD

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