Fernsehen : "Ich war schon mit 20 Italiener"

Ein Leben in Nuancen: Henry Hübchen aus Berlin spielt Commissario Laurenti in Triest.

Kerstin Decker
Henry Hübchen
Ermittelt: Henry Hübchen. -Foto: ddp

Um 13 Uhr 49 betritt ein gut gekleideter Gast das „Café Majakowski“ in Berlin-Pankow. Dunkler Anzug, Krawatte … Proteo Laurenti! Der ARD-Italiener, der Commissario, der neue Hübchen! Vollkommene Eleganz in Anthrazit. Also ihm entgegeneilen, sich bedanken, dass er noch die Zeit gefunden hat zum Gespräch, nur Tage, ach was, Stunden vor seinem Urlaub. Und dann – es ist schon zu spät – scharf abbremsen: Das ist gar nicht Henry Hübchen! Das ist … ein gut gekleideter Irgendwer. Wie verwechselbar macht doch die Seriosität!

Um 14 Uhr 20 Uhr betritt ein ungekämmter, abgehetzter Mann das Restaurant. Der Uraltparka hängt an ihm wie an einem kaputten Kleiderständer. Das ist keinesfalls der Commissario, das ist doch Zucker! Jener abgewrackte DDR-Ex-Sportreporter aus „Alles auf Zucker“, mit dem Hübchen zum gesamtdeutschen Kinoereignis wurde und über den die Leute in der Filmnachbarschaft sich zuflüsterten: „Hat nur Pech gehabt seit der Wende und jetzt soll er auch noch Jude sein!“ – „Tschuldigung“, sagt Hübchen, wirft den Parka über den nächsten Stuhl und sich selbst auf den übernächsten, „Erst das Handy vergessen, dann musste ich nach Strausberg und vor allem hab’ ich keine Lust. Wieder irgendwas quatschen.“ Hübchen schaut bekräftigend auf. Ich kann mir das leisten!, sagt sein unkorrumpierbarer Jackie-Zucker-Blick. Er ist gerade von den Dreharbeiten zu Andreas Dresens neuem Film zurück.

„Herr Hübchen, dass Sie dieses Treffen noch möglich gemacht haben, so kurz vor Ihrem Urlaub …“

„… Urlaub? Was heißt denn U-r- l-a-u-b?“ Hübchen zerkaut das Wort, jeden Buchstaben einzeln, schmeckt es ab und findet, diese suggerierte Jahreseinmaligkeit habe mit ihm nichts zu tun. Er habe vielmehr freie Tage, also vor allem terminlose Tage. Sofort sieht man seine Rolle in Leanders Haußmanns „Sonnenallee“ 1999 mit neuen Augen. Da saß er eigentlich nur vorm Fernseher: ein Leben mit nichts als freien Tagen. Nicht viele können mit so viel Nachdruck und Charakter irgendwo rumsitzen wie Henry Hübchen und die Gedanken kommen und gehen lassen. Letzteres macht Laurenti auch. Mit großem Effekt. Ist aber keine Sitzrolle.

„Dieser Laurenti hat schon einiges mit mir zu tun“, erklärt Hübchen sehr ernsthaft.

„Was denn?“

„Darüber mach’ ich mir keine Gedanken.“

„Gar keine?“

„Nun gut, wir sind nicht faul, aber auch nicht fleißig. Wir sind ungerecht, bösartig, aber auch wieder das Gegenteil. Unsere Meinung von vorgestern interessiert uns manchmal gar nicht mehr. Das heißt aber nicht, dass wir keine Prinzipien hätten. Wir sind rauchende Nichtraucher und heterosexuell. Gibt es hier eigentlich Zigaretten?“

„Aber Sie sind kein Italiener!“

Henry Hübchen schaut missbilligend auf und sagt, dass er jetzt erst einmal etwas zu essen brauche. Er lässt den vom Haus empfohlenen germanischen Bohneneintopf beiseite und bestellt mit einem gewissen Nachdruck die Tortelloni. Tortelloni, nicht Tortellini. Nicht jeder, der wie Hübchen aus dem Osten kommt, ist mit diesem Unterschied aufgewachsen. Aber der Volksbühnen-Veteran Hübchen gehört zu denen, die wissen, dass das Wichtigste im Leben die Nuancen sind. Und dann lässt er mit Effekt die Gabel über den Teigwaren kreisen, um zu erklären: „Ich war schon mit 20 Italiener.“

Mit 20? Da war er doch gerade jenseits von Italien, nämlich in Magdeburg. „Genau“, bestätigt Hübchen, „ich war Romeo“. Proteo. Romeo. Hübchen gibt eine gewisse angelsächsische Abstammung des Letzteren zu, was im Übrigen sehr gut passe, denn Triest sei streng genommen gar keine italienische Stadt. Und zu ihm passe das auch. Russen, Polen, Iren, Sachsen. Alle schon gespielt. Jeder Schauspieler ist gundsätzlich international, genau wie Triest.

Triest ist Commissario Laurentis Ermittlungsort. Morgen Abend geht es um Organhandel (Regie: Hannu Salonen). Die ARD verfilmt in loser Folge Veit Heinichens erfolgreiche Laurenti-Romane genau wie Donna Leons Brunetti-Krimis. Letztere spielen gleich nebenan, in Venedig und Uwe Kockisch aus Cottbus ist Brunetti. Die Ostler, das ist schon auffällig, scheinen nach und nach die gesamte Kriminalistik Italiens zu übernehmen. Hübchen ist noch immer bei der prinzipiell unitalienischen Stadt Triest. Da mische sich alles, ganz Europa gewissermaßen, was man dem Film leider nur bedingt anmerke. So wie manches andere, was Hübchen an Heinichens Büchern – „das sind keine Krimis, das sind doch Gesellschaftsromane“ – gemocht hat. So sehr, dass er für Proteo Laurenti einen anderen Küsten-Kommissar aufgegeben hat, nämlich Tobias Törner, „Polizeiruf“-Törner. Auch wenn das Fernsehen das Medium sein sollte, dem man zu vieles anmerkt und genau darum mitunter zu wenig – die Nuancen! Hübchen ist grundsätzlich für das Fernsehen. Schon weil das Dagegen-Sein elitär ist und das Elitäre auch nur eine Form der Dummheit. Und weil die meisten Theaterintendanten dagegen sind. Sein nichtelitärer Intendant Castorf war die Ausnahme. Mach das, geh’ zum Fernsehen, habe „Volksbühnen“-Castorf gesagt, du verdienst ohnehin zu wenig bei mir! Konnte Castorf wissen, dass Hübchen das so wörtlich nehmen würde?

Das Unerhörte, das Undenkbare ist geschehen. Henry Hübchen ist nicht mehr ständiges Mitglied der „Volksbühne“. „Ich bin Gast-Mitglied.“ Nur „Gast“, findet er, ist zu wenig nach weit über dreißig Jahren an diesem Haus. Hübchen formuliert das so: „Wie Laurenti war ich lange an einem Staatsbetrieb angestellt.“

Als in der DDR Ende der Siebziger die besten „Volksbühnen“-Regisseure weg waren, hatte Hübchen sich noch für die manchmal mehr, manchmal weniger ruhende Mitgliedschaft entschieden. Er ging surfen, wurde zwei Mal DDR-Meister im „Brettsegeln“, schrieb der Rockband „City“ zwei ihrer erfolgreichsten Titel, arbeitete fürs Fernsehen oder saß in Gabriele Gysis Küche in Pankow rum. Dort begegnete Frank Castorf dem „arbeitsscheuen Fernsehschauspieler Hübchen“ (Castorf) zum ersten Mal. Der sagte dann für die Castorf-Inszenierung „Nora“ in Anklam, vergessenstes Vorpommern, eine große Fernsehproduktion ab. Wer ihn ansieht, weiß, er würde so etwas immer wieder tun. „Nora“ wurde drei Mal gespielt. Dann schien Ibsen in Anklam den Funktionären zu umstürzlerisch.

Proteo Hübchen spießt die letzten Tortelloni auf. Er muss jetzt packen. Und wohin fährt er in den Nicht-Urlaub? Na, nach Italien, sagt Hübchen, wohin sonst?

„Commissario Laurenti – Tod auf der Warteliste“, Donnerstag, ARD, um 20 Uhr 15; „Der Tod wirft lange Schatten“, 10. Januar, ARD, 20 Uhr 15

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