Fernsehen : Im Seelengefängnis

Fritzi Haberlandt glänzt im ARD-Fernsehfilm "Ein spätes Mädchen“. Als Henriette lernt sie einen vermeintlich taubstummen Mann kennen und schüttet ihm ihr Herz aus.

Thomas Gehringer

BerlinKein Staubkorn in Sicht, und doch wirkt die Wohnung von Henriette noch verstaubter als ihre Bewohnerin selbst. Das Mobiliar scheint dort mindestens 100 Jahre zu stehen. Mittendrin lebt die vorzeitig gealterte Henriette, als sei sie ein Gespenst in einem Museum des deutschen Bildungsbürgertums. Die Haare streng nach hinten geknotet, der Rücken steif und gerade – mit jeder Faser ihres Körpers drückt Schauspielerin Fritzi Haberlandt Verunsicherung, sorgsam beherrschte Selbstkontrolle, Abwehr und Verachtung für "die Hässlichkeit der Menschen in der Zeit, in der wir leben“, aus. Das schreibt Henriette in einem Brief an einen Komponisten, den sie verehrt und zu lieben glaubt. Denn danach sehnt sie sich natürlich auch: nach dem Ende der Einsamkeit. Nur die Freunde ihrer verstorbenen Mutter kommen regelmäßig zu Besuch, gehen mit ihr ins Theater – oder zum Friedhof, wenn mal wieder eine Beerdigung ansteht. Sie hasst es, wenn jemand die Fenster aufreißt. Immerhin: Im adretten Kurpark von Wiesbaden fühlt sie sich wohl. Aber der ist ja bei wohlhabenden Senioren auch ausgesprochen beliebt.

Wäre diese Rolle hart an der Grenze zur Karikatur nicht der umwerfenden Fritzi Haberlandt anvertraut worden, es hätte mit Hendrik Handloegtens "Ein spätes Mädchen“ bedenklich enden können. Ihre Henriette ist eine zutiefst tragische Figur, aber kein bisschen schwermütig, weltfremd, aber von einer trotzigen Entschlossenheit. Außerdem ist sie auf eine sehr spezielle Haberlandt-Weise komisch, ohne auch nur in die Nähe einer Witzfigur zu geraten.

Zur besonderen Herausforderung für die Schauspieler wurde der Film dank einer ungewöhnlichen Idee des 39-jährigen Regisseurs und Autors Handloegten ("Paul is dead“, "Liegen lernen“). Henriette sieht in der Straßenbahn einen ernsten jungen Mann, den sie für taubstumm hält, weil sich neben ihm andere Fahrgäste in Zeichensprache unterhalten. Als sie ihn später wiedertrifft, spricht sie ihn an und sucht den Kontakt zu dem vermeintlichen Seelenverwandten. Sie lädt ihn zu sich nach Hause ein, bekocht ihn, lässt ihn im Gästezimmer schlafen, ohne dass er nur eine Silbe spricht.

Ist er nun taubstumm oder nicht?

Starke Szenen sind das mit Fritzi Haberlandt und Matthias Schweighöfer in der Rolle des schweigsamen Felix, der von sich selbst kein Stück preisgibt, während sie ihr Herz ausschüttet. Die große Altbauwohnung von Henriette wird zu einem stimmungsvollen, liebevoll fotografierten Ort des vorsichtigen Kennenlernens (Kamera: Armin Alker). Anfangs lässt sich Felix eher gleichgültig, wenn auch von dieser altbackenen Frau fasziniert, auf das Spiel ein. Ist er nun taubstumm oder nicht? Henriette weiß es selbst nicht genau. Später folgt sie ihm und entdeckt, dass Felix aus einer ganz anderen, ihr so fremden, ja hässlichen Welt stammt. Das Frankfurter Rotlichtviertel bietet hier filmisch den Kontrast zum biederen Bürgerambiente Wiesbadens. Der verzweifelte und etwas rabiate Versuch, beide Welten miteinander in Einklang zu bringen, ist zum Scheitern verurteilt. Aber einfach zurück in ihren alten Trott, in ihr altes Gefängnis kann Henriette auch nicht mehr.

Handloegten bleibt konsequent und bietet keine Erlösung durch irgendeine Ersatzliebe an: Selbst für den angehimmelten Komponisten ist Henriette nur eine lästige Briefschreiberin, deren Liebespost ungeöffnet in einen – natürlich altertümlichen – Karteikasten wandert. Das mag man als schroff empfinden. Aber auch so kann ein Happy End im Fernsehen aussehen: Dass man mal das Fenster aufreißt, frische Luft hineinlässt und – den Staub wahrnimmt, der sich auf allem erdrückend niedergelegt hat.

„Ein spätes Mädchen“, ARD, 20 Uhr 15

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