Medien : „Fernsehen ist nicht das Leben“

Gert Scobel moderiert das „Morgenmagazin“, die „Kulturzeit“, eine Bücher-Sendung, seit kurzem „Sonntags“ beim ZDF – dennoch ist er für viele ein Unbekannter. Er ist Philosoph, Theologe, Familienvater. Er ist Träger eines Ohrsteckers. Doch das Markanteste an ihm ist seine Unauffälligkeit

Carla Woter

Gert Scobel ist ein kultivierter Mensch. Er ist zurückhaltend, freundlich und lässt seine Gesprächspartner ausreden. Witze auf Kosten anderer macht er nicht. Seine Kleidung ist dezent, Nadelstreifen und blaues Hemd. Ein unauffälliger Typ eigentlich. Vielleicht kennen ihn deshalb so wenige. Obwohl der 43-Jährige fürs Fernsehen arbeitet – und zwar vor der Kamera, nicht dahinter.

Eine kleine, feine Gemeinde hat er trotzdem. Scobel moderiert Sendungen wie „Kulturzeit“ in 3 sat, „Bücher, Bücher“ im Hessischen Rundfunk, aber auch das Frühstücksfernsehen der ARD. Und neuerdings „Sonntags – TV fürs Leben“ im ZDF (9 Uhr). Eine Art Orientierungshilfe für Sinnsuchende. Das klingt etwas schwierig. Wie muss einer sein, der so eine Sendung moderiert? Eine Mischung aus Jürgen Fliege, Roger Willemsen und Günther Jauch?

Scobel hat Theologie und Philosophie studiert, kein Wunder, dass er sich nicht unbedingt als Unterhaltungskünstler sieht. Eher als Vermittler. „Ich kann Sachverhalte darstellen, Leute für Themen interessieren. Eigentlich eine Qualität, die einen guten Lehrer ausmacht.“ Stimmt. Journalist ist für ihn jedenfalls keine Berufsbezeichnung, Moderator erst recht nicht. Drei Eigenschaften sollte ein Journalist haben, meint er: neugierig sein, genau beobachten können und die Fähigkeit haben zu denken. „Wie wollen Sie da einen Beruf draus machen?“ Bis hier klingt die Beschreibung des eher unbekannten Herrn Scobel nach gepflegter Langeweile auf hohem Niveau. Aber man überlegt es sich schnell anders, wenn man ihn etwas näher kennen lernt.

Seine Art wünscht man sich öfter. Jemand, der kompetent, ruhig, beinahe gelassen Informationen weitergibt. Der sich nicht in den Vordergrund spielt. Angenehm ist das.

Komplizierte Sachen fasst er gern mit „Habe ich das richtig verstanden …“ zusammen. Damit auch jeder andere versteht, um was es geht. Das ist ihm wichtig. Sogar die lieben Kollegen sprechen von „Hoffnungsträger“ – und meinen es so. Die Fernsehkritikerin Barbara Sichtermann sagte über Scobel mal poetisch, er „frage mit zärtlich gedämpfter Neugier“. Das hat ihm gefallen. Erkundigt man sich nach schlechten Eigenschaften, gibt er sich sichtbar Mühe, denkt nach, aber es fällt ihm keine ein. Zumindest keine, die er sagen möchte.

Selbst privat scheint er vorbildlich zu sein. Seine Lebensgefährtin, die muntere Autorin und Moderatorin Susanne Fröhlich, kann es nach 14 Jahren immer noch nicht fassen, wie sie sagt, „so einen intellektuellen, gut aussehenden Typen mit Humor als Partner zu haben“. Er ist zudem einer, der sich kümmert. Deshalb gibt er im Sommer einen seiner Fernsehjobs auf – das Frühstücksfernsehen. Zwei Jahre sind genug. Außerdem hat er das seiner Familie versprochen.

Wenn Scobel Zeit hat, bringt er die Kinder (elf und fünf Jahre alt) ins Bett, erzählt Geschichten, kocht, kauft ein und geht mit dem Hund raus. Verheiratet ist das Paar nicht. „Er hat einen Antrag gemacht, und dann kam immer was dazwischen“, erzählt sie. In Talkshows werden die beiden meistens das gleiche gefragt: Wieso sind Sie eigentlich zusammen? Scobel kann die Frage nicht mehr hören, beantworten will er sie auch nicht mehr – außer mit: „Wieso nicht?“ Verstanden hat er die Frage sowieso noch nie. „Gut, wir sind unterschiedlich. Das haben wir mit ziemlich vielen Paaren gemeinsam.“

Die Laute und der Ruhige. Ihre Kennenlerngeschichte ist in vier Worten erzählt: Sie hat ihn sich ausgeguckt. Jörg Pilawa wollte es kürzlich in der „NDR-Talkshow“ genauer wissen: „Sind Sie genommen worden?“ Scobel: „Genommen würde ich nicht sagen.“ Pilawa: „Eingefangen?“ Scobel: „Ja, da würde ich mich wieder finden.“ Überhaupt war diese Sendung eine gute Gelegenheit, den Mann zu beobachten, der Musils „Mann ohne Eigenschaften“ zu seinen Lieblingsbüchern zählt. Denn Jürgen Möllemann war nämlich an diesem Abend ebenfalls eingeladen, und Scobel erzählt später, die ganze Zeit habe er überlegt, ob er nun etwas sagen soll oder nicht. Gesagt hat er dann nichts. Warum? „Das war nicht mein Job“. Und für eine angemessene Debatte war die Zeit zu kurz, also hält er den Mund, sagt er. Schweren Herzens. Das sieht man nicht. Dafür grinst er variantenreich.

Manchmal wirkt der Stipendiat der Deutschen Studienstiftung, der im kalifornischen Berkeley studiert hat, wie ein Wissenschaftler, der aus Versehen im Studio gelandet ist und sich dort komischerweise wohl fühlt. Optisches Relikt aus den guten alten San-Francisco-Tagen: ein kleiner Ohrstecker. „Fand ich damals gut, trage ich immer, und finde ich noch heute gut.“

Dass der Gutmensch des Fernsehens prädestiniert ist für eine religiös angehauchte Sendung, liegt nahe. Scobel moderiert nun also „Sonntags – TV fürs Leben“. Das Beste, was er da morgens um neun erreichen könnte, wäre es, „gute Impulse fürs Leben zu geben“, sagt er. Unterhaltend ins Nachdenken zu kommen. In der Konsequenz bedeutet das, weniger zu glotzen. Aber das sagt Scobel natürlich nicht. Obwohl er ehrlich ist: „Fernsehen ist nicht das Leben.“ Was ist also „Sonntags – TV fürs Leben“? Eine Verbindung von ruhigem Fernsehen und Erkenntnissen. „Wenn Sie so wollen, ist der Grundgedanke, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen einen Bildungsauftrag hat. Die Scobel-Argumentationskette geht so: Man schaut zu, empfängt positive Impulse, ändert seinen Geschmack, ändert seine Bedürfnisse – und so ändert man am Ende auch das Fernsehen. Das klingt sehr theoretisch und ziemlich trocken. Denn eigentlich müsste der Aachener in diesem Mammutunternehmen neben seinem Wissen seinen Humor einsetzen. Geht aber nicht immer. „Wasser zum Beispiel war das Schwerpunktthema der ersten Sendung und ist einfach kein lustiges Thema.“ Bei seinem Kollegen Harald Schmidt, den er sehr schätzt, hingegen ist alles lustig und nichts heilig, auch Wasser. Aber ein guter Weihwasserwitz käme einem Scobel nicht über die Lippen. Schade eigentlich. Zumal er gern lacht.

„Sonntags – TV fürs Leben“ kommt nach „Pingu“ und vor dem Gottesdienst. Wie nach jeder ersten Sendung ist noch einiges zu verbessern. Die Gespräche könnten etwas länger sein. Ein Traumkandidat wäre für Scobel der Philosoph Ludwig Wittgenstein. „Der ist nämlich ein total schwieriger Typ gewesen“.

Scobel kennt ihn gut. Seine Abschlussarbeit an der Universität, die er mit 23 fertig hatte, hat das Thema: „Ludwig Wittgenstein und die Interpretation neutestamentlicher Parabeln.“ Heute ist in der Sendung das Thema Geschwindigkeit dran, zu Gast ein Motorradrennfahrer. Interessante Mischung.

Ein schöner Sonntag ist für Scobel ein langes Frühstück, im Garten sitzen mit Freunden und Familie. Schon in der Kindheit war das gemeinsame Frühstück ein Ritual. Gut, dass die Sendung sonnabends aufgezeichnet wird. Gut auch, dass er kein Frühstücksfernsehen mehr moderieren muss. Schlecht aber für Scobel, dass noch etwas aufhört. Etwas, das ihn wirklich schmerzt – seine Sendung „Bücher, Bücher“. „Das halte ich für einen ganz großen Fehler des Hessischen Rundfunks!“ Das Ende der ältesten öffentlich-rechtlichen Buchsendung hat er aus der Presse erfahren.

Was wünscht er sich für die Zukunft? Da muss Gert Scobel, wo er schon beim Thema ist, nicht lange überlegen: eine eigene Buchsendung. Eine wie die von Elke Heidenreich? „Ja, aber ich kenne die Heidenreich gut, ich kenne die Redakteure gut, ich freue mich wirklich, wenn es eine gute Sendung über Bücher gibt.“ Da es in dieser Hinsicht für Scobel weniger gut aussieht, schreibt er eben selbst ein Buch. Einen Thriller, der viel mit Wissenschaft zu tun. „Und wer will, kann da eine Menge lernen“, sagt er. Hauptsache lernen. Lernen ist immer gut.

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