Fernsehen mit Anspruch : Jenseits von Zauberflöte und Aida

Zur Saisoneröffnung der Mailänder Scala überträgt Arte Don Carlo

Matthias Nöther
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Der Start der neuen Saison der Mailänder Scala Anfang Dezember ist zugleich eine gigantische Politshow. Foto: cinetext

Eine Generalprobe in der Mailänder Scala findet nicht nur auf der Bühne statt. Im Parkett sitzen handverlesene italienische Schulklassen, und es scheint, als würde das ritualisierte Mailänder Publikumsverhalten an die nächste Generation weitergegeben, würden Zeichen der Exklusivität eingeübt: die „bella figura“ in Abendgarderobe, das Winken über die Logenbalkone hinweg, die genau positionierten Beifallsbekundungen in die Arien hinein. Ein Vorgeschmack auf das, was hier am 7. Dezember, dem Namenstag des Mailänder Schutzpatrons St. Ambrogio, über die Bühne und den roten Teppich gehen wird: die Spielzeiteröffnung des Teatro alla Scala mit Giuseppe Verdis „Don Carlo“, dirigiert von Daniele Gatti, inszeniert von Stéphane Braunschweig. Die Premiere am Sonntag wird nur die Begleitmusik dazu liefern, was im Zuschauerraum und vor dem Opernhaus inszeniert wird: die edelste italienische Politshow des Jahres für alle nur erdenklichen Gruppierungen, angefangen bei der von berittener Polizei gesäumten politischen Kaste bis hin zu demonstrierenden Gewerkschaftlern, Kommunisten, Tierschützern.

Der deutsch-französische Kultursender Arte hat dies alles letztes Jahr erstmals live übertragen und darauf geachtet, dass wenigstens für das Fernsehpublikum das Bühnenereignis – damals Wagners „Tristan“ mit Barenboim und Patrice Chéreau – die Hauptrolle spielte. Für die Fernsehleute aus dem Norden ist der gefährlichste Moment des Mailänder Rituals die alljährliche Streikdrohung. Die diesjährige Variante: Einige Musiker, Mitglieder des autonomen Gewerkschaftsverbands Fials, drohten bis Anfang dieser Woche mit dem Boykott der Vorstellung. Als Zeichen, dass sie es ernst meinen, hatten sie bereits Aufführungen von Léhars „Lustiger Witwe“ im November platzen lassen. Fials prangerte die seiner Ansicht nach unfaire Verteilung des Geldes an, das durch den Verkauf von TV- und Radioübertragungen eingenommen wurde. Der Fernsehsender Arte wäre von den konfusen italienischen Arbeitskämpfen diesmal also nicht nur für die „Don Carlo“-Premiere, sondern mittelbar auch später betroffen. Doch das aus Straßburg angereiste Arte-Redaktionsteam ist gelassen. Dass das Fernsehereignis so groß angesetzt ist, führt schließlich auch dazu, dass Verantwortung delegiert wird. Bei den Übertragung aus Mailand kooperiert Arte mit dem Bayerischen Rundfunk und mit der RAI, dem italienischen Fernsehen, das den Streit um die Fernsehrechte im Ernstfall viel unmittelbarer zu spüren bekäme.

Die Publikumsnachfrage nach Opernübertragungen im Fernsehen ist groß und wird immer größer. Das ist wohl der Grund, warum Jean Wittersheim, der Leiter der Arte-Redaktion Oper, Theater, Tanz, auch in einer Wirtschaftskrise nicht mehr Angst vor finanziellen Beschneidungen haben müsste als andere Redaktionen. Arte überträgt mittlerweile zwölf Opernvorstellungen im Jahr, sechs davon zur „prime time“ ab 19 Uhr und diese möglichst live von einer glamourösen Premiere. Denn obwohl für Wittersheim klar ist, dass das Opernpublikum vor dem Fernseher zahlenmäßig begrenzt ist und nicht gänzlich anders aussieht als das im Parkett – städtisch, gebildet, gutsituiert –, hat man zu dieser Sendezeit Aussicht auf die Erreichung breiterer Publikumsschichten. Die Live-Atmosphäre, das Drumherum einer Opernaufführung, natürlich auch die Prominenz der Sängerbesetzung sind da nicht unwichtig. Doch einem nicht geringen Anteil des Fernsehpublikums gehe es um die Werke selbst: „Viele Leute sind neugierig, im Fernsehen selten gespielte Stücke zu sehen. Man kann durchaus mal eine Oper wie Leoš Janáceks ‚Aus einem Totenhaus‘ bringen – wenn man das aus einem großen Haus mit einer tollen Besetzung senden kann.“

Solche Raritäten platziere man zwar besser am späteren Abend, ab 22 Uhr 30, doch das in nicht geringer Zahl: Wer die Vorschauen von Arte oder 3Sat überfliegt, wundert sich über die anspruchsvollen Programmpunkte jenseits von „Aida“ und „Zauberflöte“. Oper im Fernsehen ist nicht so teuer und riskant, wie es das Klischee über diese aufwändige Kunstform sagt. Wie im Fall der Scala-Sendung handelt es sich bei Übertragungen aus großen europäischen Metropolen immer um Co-Produktionen. Da auch viele kleinere Posten zwischen RAI, BR und Arte geteilt werden, ist es für Wittersheim als Redaktionsleiter schwer zu beziffern, wie hoch die Kosten einer Übertragung wirklich sind. Sie seien aber kontrollierbar, weil man mittlerweile stets von Publikumsvorstellungen filmt und auch nach der Sendung mit DVDs einen großen Absatzmarkt habe. An die Möglichkeit, kostspielige Produktionen im Studio oder im leeren Haus zu veranstalten, wie es zur Zeit etwa von Patrice Chéreaus legendärem Bayreuther „Ring“ von 1976 üblich war, werde, so Jean Wittersheim, heute kein Gedanke mehr verschwendet. Oper im Fernsehen wird heute mit viel Pragmatik produziert. Mit ihrer Live-Atmosphäre aber ist sie im Künstlerischen unmittelbarer und auch näher am Glanz des genuinen Ereignisses.

„Don Carlo – Live aus der Mailänder Scala“, Arte, Sonntag 20 Uhr 30

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