Medien : Fernsehen mit Nachwirkungen

Januar 1979: Als der US-Vierteiler „Holocaust“ das Unfassbare der Juden-Vernichtung fassbar machte

Joachim Huber

Das englische Wort „Holocaust“ war 1978 in der deutschen Sprache noch unbekannt. Doch dann sorgte der amerikanische Fernsehfilm gleichen Namens dafür, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache „Holocaust“ zum „Wort des Jahres“ 1979 wählte. In dem Vierteiler von Marvon J. Chomsky wurde erstmals der Massenmord an den Juden einem großen Publikum als dramatische Fernsehgeschichte nahe gebracht. Drehbuchautor Gerald Green machte das Unfassbare von sechs Millionen ermordeten Menschen fassbar, indem er das Thema stark emotionalisierte und auf die private Ebene wiedererkennbarer Personen hob. „Holocaust“ ist keine Dokumentation der Fakten, bietet keine Außensicht der Dinge, „Holocaust“ ist mittendrin, der Spielfilm verflicht Privatleben, Seelenleben, Gefühle, Gedanken, Liebesgeschichten.

Erzählt wird die Geschichte zweier Familien, und nicht nur das. Das Schicksal der Familien ist eng miteinander verwoben. Geschildert wird die Karriere des fiktiven SS-Obersturmbannführers Erik Dorf, der als Adjudant Heydrichs die Massenvernichtung der Juden organisiert, und der Leidensweg der ebenfalls erdachten jüdischen Familie Weiss, die in die Mord-Maschinerie der Nazis gerät. Der Arzt Josef Weiss hat die Dorfs in Berlin jahrelang behandelt. Er wird letztlich ein Opfer des Schreibtisch-Mörders Dorf.

Zunächst war es mehr als ungewiss, ob das Fernsehen den Film im Januar 1979 überhaupt ausstrahlen würde. Besonders umstritten war, ob eine kommerzielle TV-Produktion in Hollywood-Manier das grauenhafte Geschehen angemessen darstellen könnte. Der damals zuständige WDR-Programmbereichsleiter Günter Rohrbach nannte „Holocaust“ einen „Trivialfilm“ voller „Simplifizierungen“. Die Serien-Kommission der ARD mokierte sich über die „indiskutable Qualität“ des Vierteilers; tatsächlich wackelte der Film bei einigen historischen Daten und Fakten bedenklich. Als sich die Intendanten der ARD nicht über eine Ausstrahlung im Ersten Programm einigen konnten, wurde er dann als „Kompromiss“ in allen Dritten Programmen gleichzeitig gezeigt, und zwar am 22., 23,, am 25 und am 26. Januar 1979.

Die Resonanz war ungeheuer. „Der Spiegel“, der noch vor der Ausstrahlung einen „schlimmen Reißer“ ankündigte, der „häufig in allzu süffige Süße zerläuft“ und den „Völkermord auf ,Bonanza’-Maße schrumpfen lässt, machte „Holocaust“ in seiner Ausgabe vom 29. Januar 1979 zum Titelthema. Unter der Überschrift „Ich habe es nicht gewußt“ schrieb Rudolf Augstein: „Der Krieg hatte mich stumpf gemacht, mir wurde plötzlich bewußt, daß ich mich all die Zeit nur um mein eigenes Schicksal und das meiner Familie gekümmert hatte. Das Los meiner Juden war aus meinem Blickfeld herausgetreten.“ Allein war er mit seiner Haltung nicht gewesen.

Laut Umfragen sahen 20 Millionen zu, jeder zweite Erwachsene im Westen Deutschlands sah zumindest Teile, etwa jeder dritte den kompletten Film. Besonders junge Menschen, die sich von ihren Eltern, von der Schule unvollständig über die NS-Zeit informiert fühlten, waren fasziniert und erschüttert. Zwei Drittel der 14- bis 29-Jährigen schalteten „Holocaust“ ein. Offensichtlich gelang diesem Film, was in mehr als drei Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Hunderte von Büchern, Theaterstücken, Diskussionen, was herausragende Dokumentationen wie „Mein Kampf“ von Erwin Leiser oder „Hitler – Eine Karriere“ von Joachim Fest , wissenschaftliche Untersuchungen und KZ-Prozesse in dieser Wucht nicht geschafft hatten: Die Deutschen waren im wahrsten Sinn des Wortes betroffen – und sie redeten darüber. An die Ausstrahlung schloss sich nach jedem Teil eine Expertenrunde an. Mehr als 30 000 Anrufer meldeten sich bei den Funkhäusern. Die Westdeutschen kamen via Fernsehen, durch eine amerikanische Produktion, durch „Holocaust“ mit sich ins Gespräch.

„Holocaust“, Arte, von heute bis Donnerstag um 20 Uhr 40; heute um 23 Uhr: „Wir müssen das erzählen“

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