Fernsehen mit Praxisbezug : "Erstaunlich gute Diagnosen"

Er ist verrückt, er ist genial, er läuft im TV und jetzt auch in der Uni: Wie Marburger Medizinstudenten von „Dr. House“ lernen.

Dr. House
Polarisierend. Fachlich ist Dr. House (Hugh Laurie) nah an der Wirklichkeit, menschlich mitunter kaum zu ertragen.Foto: RTL

Herr Schäfer, laufen Ihnen die Studenten weg, oder warum zeigen Sie in Ihren Vorlesungen die RTL-Serie „Dr. House“?

Im Gegenteil, zum Teil platzen wir aus allen Nähten. Aber wir müssen mit den klassischen Vorlesungen gegen eine Vielzahl moderner Lehrmedien bestehen. Unser Marburger Fachbereich bemüht sich intensiv, durch innovative Konzepte die studentische Ausbildung weiter zu verbessern. Das „Dr. House“-Seminar soll hierzu einen Beitrag leisten und bietet sich als attraktive Ergänzung des regulären Studienplans an. Denn viele unserer Studenten sehen sich in ihrer Freizeit ohnehin „Dr. House“ an.

Aus Studiengründen?

Nein, sondern weil die Sendung unterhaltsam, spannend und so realistisch wie kaum eine andere Arztserie ist. Spätestens am Mittwoch diskutieren unsere Studenten dann, ob die Diagnosen und das Vorgehen von Dr. House richtig waren.

Wie realistisch ist „Dr. House“?

Die Vorgehensweise von Dr. House entspricht natürlich nicht der Realität. Teilweise ist die Serie stark überspitzt und überzeichnet, muss es wohl fürs Fernsehen auch so sein. Allerdings sind die Krankheitssymptome und die Beschwerden der Patienten überraschend gut recherchiert und entsprechen häufig durchaus dem, was wir im Klinikalltag sehen.

Die Serie begeistert nicht nur Mediziner.

Dass sich so viele Nichtmediziner eine Vielzahl von medizinischen Fachbegriffen anhören, wundert mich ohnehin schon seit Beginn der Sendung. Aber vermutlich ist die Mischung der Serie interessant. Dr. House ist einerseits eine völlig durchgeknallte Persönlichkeit, andererseits ist er aber auch ein brillanter Diagnostiker. Und das Thema Medizin beschäftigt jeden Menschen, weil jeder früher oder später einmal krank wird. Durch die Serie bekommen die Zuschauer nicht nur spannende Unterhaltung geliefert, sondern erhalten einen, wenn auch teilweise stark verzerrten, Einblick in den Hightech-Betrieb einer Klinik.

Schauen Sie sich in der Vorlesung eine komplette Folge an?

Nein, wir nehmen nur einige wenige Schlüsselszenen heraus und analysieren dann schrittweise die Sequenzen. Beispielsweise wird der Patient ohnmächtig oder spuckt Blut, dann stoppen wir die Aufnahme, und die Studenten überlegen gemeinsam mit dem Dozenten, was der Patient haben könnte. Dann schauen wir uns an, welchen Befund „Kollege House“ herausdiagnostiziert hat.

Kommen Sie denn immer zum gleichen Ergebnis wie Dr. House?

Meistens schon, zumindest was die endgültige Diagnose angeht. Aber es geht uns nicht in erster Linie darum, zu prüfen, ob Dr. House recht hat oder nicht. Wir wollen den Studenten zeigen, wie eine komplexe Diagnosefindung abläuft und wie wichtig die Diskussion und Teamarbeit mit Kollegen ist.

Warum können Ihre Studenten nicht genauso gut von Serien wie „Schwarzwaldklinik“ oder „In aller Freundschaft“ lernen ?

Professor Brinkmann sieht dem Patienten schon vom Flur aus an, dass dieser einen Herzinfarkt hat. Zwar gibt es auch im Alltag Fälle, wo die Diagnose relativ leicht und vollkommen eindeutig ist. Aber gerade in der Universitätsmedizin kommen die Patienten ja zu uns, weil sie komplizierte Krankheitsbilder haben. Und Dr. House hat den Anspruch einer interdisziplinären Maximaldiagnostik und -therapie, den wir im Grunde genommen auch haben – allerdings mit mehr Menschlichkeit, Einfühlungsvermögen und Augenmaß. Von all den Patienten, die Dr. House heilt, wären in der Schwarzwaldklinik die meisten sehr wahrscheinlich gestorben.

Professor Brinkmann hat sich eben lieber um Schwester Gabi gekümmert.

Solche Sachen gibt es bei „Dr. House“ ja leider auch. Die Serie ist gerade auch wohl deshalb so beliebt, weil Dr. House ein so polarisierender Charakter ist. Aber sein fortgesetzter Drogenkonsum, sein ungewöhnlicher Umgang mit anderen Menschen wären im Alltag trotz aller diagnostischer Brillanz völlig inakzeptabel. Das thematisieren wir in unseren Seminaren immer wieder. Egal, wie gut Dr. House rein fachlich auch sein mag, im wahren Leben wäre er wahrscheinlich schon vor Ablauf der ersten Folge fristlos entlassen worden.

Das Gespräch führte Sonja Pohlmann.

Jürgen Schäfer ist Akademischer

Direktor der Philipps Universität Marburg, hat eine Stiftungsprofessur für „Präventive

Kardiologie“ inne und leitet das Seminar mit „Dr. House“.

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