Fernsehen : Neurodermitis in Neandertal

Guido ist 18 Jahre alt, hört Heavy Metal und betrinkt sich mit seinen Kumpels. Eine Freundin hat er auch. Und Guido hat ein Problem: Er leidet an Neurodermitis. Ein Arte-Film über das Erwachsenwerden.

Thomas Gehringer

Die Haut ist wohl das erstaunlichste Organ des Menschen: eine lebendig-sensible Hülle, die uns schützt und zugleich repräsentiert. Mit sonnengebräunter Haut halten wir uns für attraktiv, mit Pickeln für abstoßend. Wenn uns etwas gleichgültig lässt, sagen wir: „Das juckt mich nicht.“ Den 18-jährigen Guido (Jacob Matschenz) in dem Film „Neandertal“ juckt es am ganzen Körper. Er leidet unter einer starken Neurodermitis.

Guido lebt in der fiktiven Kleinstadt Neandertal, die wie das reale Neandertal, wo die Überreste des nach ihm benannten Frühmenschen gefunden wurden, in der Nähe von Düsseldorf liegt. Ein Provinzort voller Reihenhäuser im Jahr 1990. Guido hört Heavy Metal, betrinkt sich mit seinen Kumpels schon vor der Schule mit Schnaps und nimmt den Wiedervereinigungsrausch nur am Rande wahr: „Die Frisuren von denen fand ich ganz witzig“, antwortet er dem Lehrer auf die Frage, was ihn am Tag des Mauerfalls bewegt habe. Das ist weniger Aufmüpfigkeit als Unentschlossenheit und Ziellosigkeit. Guido hat auch eine Freundin, doch sie zu lieben, das wagt er wegen seines verunstalteten Körpers nicht. Und in seiner Familie beherrschen unterdrückte Unstimmigkeiten die Atmosphäre. Guido steht auf der Schwelle zum Erwachsenwerden. Irgendetwas, abgesehen von seiner Haut, juckt ihn, aber was, das weiß er noch nicht.

Für Autor Ingo Haeb, der nach mehreren beachtlichen Drehbüchern („Narren“, „Am Tag, als Bobby Ewing starb“) erstmals auch Regie geführt hat und sich dabei von Jan-Christoph Glaser unterstützen ließ, ziehen Neurodermitiker „unterbewusst die Probleme anderer auf sich, finden aber keinen Weg, diese zu verarbeiten“. Haeb hat hier, nicht gerade untypisch für einen Debütfilm, eigene Erfahrungen filmisch umgesetzt. Der Körper ist von Leidensmalen übersät und wird bisweilen wie ein Schlachtfeld in Szene gesetzt, mal realistisch hart, mal in fantastischen Traumsequenzen. Die lädierte Haut ist sowohl eine Metapher als auch ein reales Problem, dennoch kommt uns der Film zum Glück nicht mit einfachen Lösungen und Heilungsmethoden. Als Guido nach einem heftigen Schub in einer Therapiegruppe landet, ist das Anlass für eine eher komische Szene.

Nach der Flucht aus der Familie freundet sich Guido mit dem furchtlosen Rudi (Andreas Schmidt) an, der sich um nichts schert als um sich selbst, der kifft und säuft, auftaucht und wieder verschwindet. Rudis Ungebundenheit wirkt auf Guido ansteckend und heilsam, doch der pure Egoismus führt am Ende auch nicht zum Glück, wie der Film ziemlich drastisch erzählt.

Nebenbei liefert „Neandertal“ ein gut getroffenes Porträt der Wendezeit im Westen, wo die Wiedervereinigung ein fernes Thema war, das man teilnahmslos auf der Mattscheibe wahrnahm. Als Verheißung auf eine bessere Zukunft dienen der Fußball und die bevorstehende WM in Italien, wo Deutschland 1990 Weltmeister wurde. Das ergibt ein unterhaltsames Zeit- und Generationen-Panorama. Darüber hinaus besticht der Film durch die Musik und die vielen Ausstattungs-Details: etwa die Mini-Kassettenrekorder, die FortunaDüsseldorf-Bettwäsche und die Klamotten. Aber hat man damals wirklich zu „Motörhead“-T-Shirt und brauner Lederjacke einen blauen Rucksack getragen?

"Neandertal", Arte, 21 Uhr

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