Fernsehen : Risse im Lebensbild

Tobias Moretti und Claudia Michelsen retten einen wenig vorweihnachtlichen ARD-Thriller. Sie spielen ein Ehepaar, das in einen Mix aus Gefahr und Vebrechen gerät.

Simone Schellhammer
thriller
Gefährdetes Familienglück: Christina (Claudia Michelsen) und Dominik (Alexander Giesecke) kommen kaum noch an Achim heran. -Foto: SWR

Gerade noch humpelte er als einbeiniger, augenrollender Pirat über „Die Schatzinsel“. Heute ist Tobias Moretti als Familienvater und erfolgreicher Architekt zu sehen, den ein Ereignis aus seinem früheren Leben einholt. Der Plot des „Kronzeugen“ ist auf den ersten Blick nicht besonders originell: Eine heile Familie sieht sich plötzlich mit Gefahr und Verbrechen konfrontiert, was ihre Struktur zum Zerbröckeln bringt. Die Spannung, die dabei entsteht, ist allein den Darstellern zu verdanken. Tobias Moretti und Claudia Michelsen spielen ein Ehepaar, das bei all den dramatischen Irritationen auf mal zärtliche, mal verzweifelte Weise darum kämpft, nicht unterzugehen.

Achim Weber (Moretti) wird von einer Frau, die er auf einer Geschäftsreise kennenlernt, nach einer im Dunkel der Erinnerung liegenden Nacht mit kompromittierenden Fotos unter Druck gesetzt. Bald wird ihm klar, dass die Bedrohung, die sich vor ihm auftürmt, mit seiner Vergangenheit zusammenhängt: Durch ein Zeugenschutzprogramm hat er vor Jahren eine neue Identität erhalten, was er zum Schutz seiner Familie stets verheimlicht hat. Seine Frau Christina (Claudia Michelsen), die erst eine Affäre vermutet, begreift, dass er etwas Tiefgreifendes vor ihr verborgen hält. Moretti spielt hier ebenso nüchtern wie kraftvoll, und Michelsen füllt die Rolle der „Frau an seiner Seite“ mit kühlem Charme und viel Herz. Die Verbindung zwischen den beiden hält gewissermaßen den ganzen Film zusammen, trotz aller Risse in Achims Lebensbild. Den rachsüchtigen Mörder gibt Sylvester Groth, der dieses Jahr den Deutschen Kritikerpreis für die Darstellung des Joseph Goebbels in Dani Levys „Mein Führer“ bekam.

Claudia Michelsen freute sich besonders mit ihm drehen zu können: „Sylvester Groth war Mitte der 80er Jahre für mich und meine Freundinnen der große Star am Dresdner Theater“, erzählt die 38-Jährige, die wie er in der DDR aufwuchs. Groth spielt einen zerbrochenen, versteinerten Mann, dessen einziger Antrieb es ist, das Familienleben, das ihm verwehrt war, bei dem anderen zu zerstören.

Gedreht wurde der SWR-Film bereits im letzten Jahr in der Nähe von Stuttgart, Baden-Baden und Offenburg. Wie schon so manches Mal setzte der „Tatort“-erfahrene Regisseur Johannes Grieser auch bei „Der Kronzeuge“ auf Schockmomente und einen blutigen Showdown. Das wirkt in diesem Fall oft unangemessen brutal und konterkariert die sonst recht psychologisch angelegte Erzählweise. Thriller-Fans würden vielleicht sagen, es gibt dem Ganzen erst den richtigen Drive. „Der Grieser mag das halt“, sagt Claudia Michelsen, die auch „Die Entführung“ mit Heiner Lauterbach unter seiner Regie drehte. „Mein Fall ist das eher nicht. Ich glaube, man muss Gewalt nicht mit Blut erzählen. Da, finde ich, kann man sich ganz und gar auf die Fantasie der Zuschauer verlassen.“ Das bleibt nicht folgenlos: Tatsächlich ist „Der Kronzeuge“ nicht gerade vorweihnachtliche Familienunterhaltung.

Neben den nervenaufreibenden Gewaltszenen geht es inhaltlich aber auch filigraner zu. Etwa bei der Frage der Kronzeugenregelung selbst. So sagt Webers Frau irgendwann zu ihm: „Du musst zur Polizei gehen. Wenn du unschuldig bist, werden sie dir helfen.“ Ein Gedanke, den man als Zuschauer auch dauernd hat. Es stellt sich dann heraus, dass das Landeskriminalamt ihn in dieser Extremsituation letztendlich doch nicht schützen kann. Diese Hilflosigkeit ist sicherlich ein wichtiges Thriller-Element, beschäftigt einen aber auch noch nach dem actionreichen Ende.

„Der Kronzeuge“, 20 Uhr 15, ARD

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben