Fernsehen : Ruft mich an!

Ganz legal bei Pro7 und Kabel eins: Call-in-Shows gibt es nun auch für Minderjährige. Der Produzent 9Live, eine Tochter der ProSiebenSat 1 Media AG, nutzt dazu eine Änderung der Gewinnspielsatzung.

Markus Ehrenberg
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Unabhängig davon, ob Anrufer durchgestellt oder aufs Band geleitet werden, zahlen sie 50 Cent aus dem Festnetz.Screen:Tsp

Mittendrin in „Eine schrecklich nette Familie“, der Erfolgs-Sitcom bei Kabel eins am Vormittag: eine Unterbrechung. „Quiz Times“ – statt Al Bundy steht da ein gut gelaunter Moderator im Studio, der nach einer deutschen Großstadt mit den Buchstaben „chennüM“ fragt. Oben ein Insert: Anrufer ab 14 Jahren können 500 Euro gewinnen. Anrufer ab 14 Jahren? Die Werbekrise im deutschen Fernsehen treibt bunte Blüten. Weil wegen der Wirtschaftskrise Werbespots ausbleiben, schaltet RTL Deutschland öfter mal „5 000-Euro-Gewinnspielfragen“ dazwischen, während die Sender der ProSiebenSat1-Gruppe im Tagesprogramm mit sogenannten „Quiz Breaks“ oder „Quiz Times“ überraschen. Beliebte Sendungen werden damit kurzerhand unterbrochen, um Geld zu verdienen.

Produziert werden diese Call-in-Spiele, die sich bewusst auch an Minderjährige wenden und sonst eher in der Nacht ablaufen, vom Privatsender 9Live, einer Tochter der ProSiebenSat 1 Media AG. Das Unternehmen steht wegen früherer Call-in-Methoden unter strenger Beobachtung. Kritiker hatten 9Live vorgeworfen, diese Art Gewinnspiele seien nicht transparent genug. Es werde mit fragwürdigen Methoden um Mitspieler gebuhlt und ein durch Countdowns und Moderatorenverhalten künstlich aufgebauter Zeitdruck soll die Zuschauer zum Anrufen bewegen, obwohl teilweise über Stunden keine Gewinnmöglichkeit bestehe. Ein Anruf kostet in der Regel 50 Cent aus dem Festnetz. Es gab auch diverse Betrugsvorwürfe.

Nun nutzt 9Live eine Änderung der Gewinnspielsatzung, die die Landesmedienanstalten noch vor Wochen als Erfolg gefeiert haben, um neue Call-in-Spiele zu etablieren. Und das laut 9Live völlig legal. Mit der geänderten Satzung wurde erstmals in Abgrenzung zu Gewinnspielsendungen und -sendern ein Mindestalter für Einzel-Gewinnspiele festgesetzt. Dabei hat man sich auf die Altersgrenze von 14 Jahren geeinigt. Die Folge: Während vorher kein TV-Gewinnspielbetreiber auf die Idee kam, Call-in-Gewinnspiele für Minderjährige anzubieten, haben die Medienwächter jetzt quasi offiziell ihren Segen dazu gegeben.

9Live-Sprecherin Sylke Zeidler sagte dem Tagesspiegel, dass diese Form der „Quizbreaker“ bis Freitag bei Pro7 und Kabel eins getestet werde. Die Testphase werde verlängert. „Als freiwillige Maßnahme werden wir ab Montag das Mindestalter der Teilnahme auf 18 Jahre hochsetzen, obwohl dies gesetzlich für Gewinnspiele unter drei Minuten nicht vorgesehen ist.“ Noch zwei Tage Gelegenheit für Jugendliche also, zwischen zwei „Al-Bundy“-Gags ihr Taschengeld aufzubessern. Oder zu verlieren. Von der Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten gab es dazu am Mittwoch keine Stellungnahme.

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