Fernsehen : So nah und doch so fern

Barack barock: US-Präsident Obama bleibt bei seinem Deutschlandbesuch im Fernsehen auf Distanz.

Kurt Sagatz

Die Dresdner hatten sich vorgenommen, gute Gastgeber zu sein. Bettina Schausten, die Innenpolitikchefin des ZDF, wurde nicht müde, das den Fernsehzuschauern am Freitagmorgen zu erklären. Barack Obama, dem Präsidenten der USA, würden die Dresdner das bei seiner Kurzvisite in der sächsischen Landeshauptstadt allerdings nicht zeigen können – und auch im Fernsehen war davon wenig zu sehen, in dieser Geisterstadt Dresden. Der Platz vor der Frauenkirche, wo die TV-Sender ihre Übertragungstribünen aufgebaut hatten, präsentierte sich in gespenstischer Leere. Die Dresdner erlebten den Obama-Besuch per Public Viewing auf einer Großbildleinwand. Für sie blieb Obama genauso nah und doch so fern wie für jeden anderen TV-Zuschauer, der Obama tags zuvor in Kairo gesehen hatte.

Wie groß dürfte wohl die Enttäuschung bei jenem jungen Prominentenjäger gewesen sein, den MDR-Reporter Danko Handrick vors Mikrofon geholt hatte? Der achtjährige Lorenzo, mit der US-Flagge auf seinen Schultern und der Sonnenblume in der Hand, hat bereits viele Politiker wie Angela Merkel oder Horst Köhler in seinem Erinnerungsalbum vereint, nun hoffte er auf ein Autogramm des US-Präsidenten – vergeblich. Und auch Pascale und Jenny, die im Ersten mit ihren Spruchbändern „Yes, we can – ooch in Dresden“ gezeigt wurden, hatten sich auf weniger Distanz zum Präsidenten eingestellt, so wie die rund 200 Dresdner, die es mit ihren Winkelelementen bis an die Absperrungen geschafft hatten.

Die TV-Bilder dieses Besuchs haben ein anderes Gesicht: Barack barock, der US-Präsident wird inmitten des alten Europa gezeigt, im Taschenberg-Palais, im Hof des Residenzschlosses, in der wiederaufgebauten Frauenkirche. Es ist der nachdenkliche, besinnliche Obama, den die Kameras zeigen. Die größte Nähe zum Ort und zur Geschichte erlebt der Zuschauer, als Obama sowohl am Vormittag in Dresden als auch am Nachmittag vom Bruder seiner Großmutter erzählt, der zu den Befreiern eines Außenlagers des Konzentrationslagers Buchenwald gehörte, und wie dessen Schilderungen den jungen Obama beeinflusst haben. Hier redet jemand, der diesen Abstecher seiner Normandiereise aus einem sehr persönlichen Antrieb ausgewählt hat. Beeindruckend dann, wie er die Brücke zu den Deutschen schlägt, deren Beziehungen zu Israel nach seinen Worten zeigen, dass es eine Chance auf Versöhnung, Vergebung, Hoffnung gibt.

Das waren mächtige Worte, die sich zu der Macht der Bilder gesellten, über die die US-Journalisten Don Jordan und Melinda Crane auf n-tv diskutierten. Bei allen Problemen, die Amerikaner mit Geografie haben, Dresden ist jedem Amerikaner ein Begriff, deutete Crane die Bilder, die wenig später per Frühstücksfernsehen in den US-Haushalten zu sehen sein würden. Und auch Angela Merkel werden die Bilder von ihr und dem mächtigsten Mann der Welt nicht schaden, um ihre Bedeutung in der deutschen Politik zu unterstreichen, sagte die US-Journalistin.

Bevor es dann, wieder mit einiger Verspätung, tatsächlich nach Buchenwald ging, galt es viel Zeit zu überbrücken: mit Bildern anderer US-Präsidenten und ihren Deutschlandbesuchen – Grillen mit George W. Bush –, mit Dokumentaraufnahmen vom Zweiten Weltkrieg, aber auch mit dem einen oder anderen Seitenhieb, wie Obama bei seinem Besuch in Straßburg im April noch unter jungen Französinnen Küsschen verteilte. Zu diesem Deutschlandbesuch konnte dies nicht passen. Die weißen Rosen, die Obama und Merkel auf die Gedenktafel legten, das sind die Bilder, die bleiben, nicht nur im Fernsehen. Kurt Sagatz

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