Fernsehen : Täter, Tochter, Trauer

Bewegende Doku über eine erstaunliche Begegnung. Alles, was man befürchten muss, weil man es aus missglückten Dokus kennt, falsche Tränen, leere Gesten, gespielte Emotionen – all das hat hier nicht die mindeste Chance.

Barbara Sichtermann
mördervater Foto: Arte
Monica Hertwig, die Tochter des KZ-Kommandanten Amon Göth -Foto: Arte

Monika Göth glaubte als kleines Mädchen, sie hätte keinen Vater. Als sie erfuhr, dass jedes Kind einen Vater hat, fragte sie ihre Mutter. Die erklärte ihr, dass Vater Amon im Krieg gefallen sei. Die Großmutter wusste mehr. Amon sei aufgehängt worden. Weil er Juden getötet habe. Richtig aufgeklärt wurde die erwachsene Monika Hertwig erst durch Spielbergs Film „Schindlers Liste“. Jetzt wusste sie alles – und das war zu viel. „Spielberg hatte mir die Wahrheit gesagt, das nahm ich ihm übel.“ Sie dachte an die Opfer. An Helen Jonas-Rosenzweig, einst Dienstmädchen im Hause Göth und Holocaust-Überlebende. „Ich hatte den Wunsch, Helen kennenzulernen.“

Dokumentarist James Moll, Mitarbeiter von Steven Spielberg, hat sich die heikle Aufgabe gestellt, Tätertochter und überlebendes Opfer, beide altersmäßig nicht allzu weit voneinander entfernt, zu befragen – über Amon Göth, den Schlächter von Plaszów, Kommandant eines KZ nahe Krakau, und über ihr Schicksal jeweils als Tochter und Magd – und beide Frauen bis zu ihrer Begegnung bei Plaszów zu begleiten. Herausgekommen ist eine außergewöhnliche Dokumentation. Monika Hertwig: die große schlanke Frau mit dem üppigen Lockenhaar, geboren 1945, wirkt nicht alt. Sie wohnt mit ihrer Familie im Städtchen Weissenburg in Bayern. Alles sieht gut aus und ist es doch nicht wirklich. Mit ihrer Mutter, die sich im Alter das Leben nahm, hat Monika sich nie verstanden, den toten Vater im Gedenken verklärt. Dann kam „Schindlers Liste“, und ihr blieb nichts. Erst als Monika erkennt, dass nicht sie das Opfer ist, sondern die vielen hundert Menschen, die ihr Vater im Lager erschoss, auch Helen, die er misshandelte, wird die schwere Zeit für Monika eine bessere Zeit. Sie schreibt Helen einen Brief nach Amerika. Helen antwortet. Sie wird kommen, sich am Mahnmal auf dem Plaszów-Gelände mit Monika treffen. Auch Helen ist auf erstaunliche Weise jung geblieben. Für Helen ging es gut aus – und doch wieder nicht wirklich. Sie wurde von Oskar Schindler gerettet, heiratete einen Mann, der Ähnliches durchgemacht hatte wie sie, ging in die USA und gründete eine Familie. Aber ihr Mann konnte das Grauen nicht vergessen, nahm sich das Leben.

Filmemacher Moll hat dem Publikum seine beiden Protagonistinnen nahe gebracht, bevor die Doku ihrem Höhepunkt zustrebt und beide Frauen in der Nähe des Mahnmals aufeinander zugehen. Die Szenerie ist ansonsten menschenleer – nur das Mal und endlose weite Grünflächen. Alles, was man befürchten muss, weil man es aus missglückten Dokus kennt, falsche Tränen, leere Gesten, gespielte Emotionen – all das hat hier nicht die mindeste Chance. Die Wucht der Menschheitstragödie Holocaust lässt keinen Raum für Getue. Monika schluchzt. Helen wartet. Und sagt zur Tochter ihres Peinigers: „Ist schon gut. Ich habe es (gemeint ist die Reise) auch für mich selbst getan.“Barbara Sichtermann

„Der Mördervater“, Arte, 21 Uhr

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