Fernsehen : Todtrügerisch: Farocki-Nacht bei 3sat

Was Bilder transportieren, ist eine wesentliche Fragestellung von Harun Farockis Erkundungen. 3sat zeigt "Aufschub" und weitere Filme des Dokumentaristen.

Hendrik Feindt

KZ Westerbork, 1944. Ein „Durchgangslager“, so die amtliche Bezeichnung, in der Provinz Drenthe. Das größte in den Niederlanden. Anne Frank war hier, im August, vor ihrer Deportation nach Auschwitz. Nun diese Bilder, aufgenommen Wochen zuvor. Schwarz-weiß. Stumm. Von einem Fotografen, Rudolf Breslauer, mit einer seiner 16-mm-Kameras. Auch er war Insasse. Wurde deportiert mit seiner Familie. Im selben Monat wie Anne Frank. Ebenfalls nach Auschwitz. Einen Tanz hatte er damals in Westerbork gefilmt, unter freiem Himmel. Dann, eine andere Einstellung, Betriebsamkeit auf einem Bahnsteig mit gepflanzten Bäumen. Schließlich Entspannung bei einer Pause auf dem Feld.

„Wir erwarten andere Bilder aus einem Lager der Nazi-Deutschen“, heißt es einmal in dem Film „Aufschub“, den Harun Farocki aus dem Material Breslauers zusammengestellt hat. Rund 90 Minuten belichteter Film sind erhalten. Kaum ein Drittel hat Farocki ausgewählt. Darunter zwei Zwischentitel, die damals bereits vorgesehen wurden, Zeugnis eines doppelten, letztlich todtrügerischen Bodens. „Appellplatz am Sonntagnachmittag“ liest man auf dem einen und ist Zuschauer eines Fußballspiels: Dass Sport und militärischer Drill nah beieinanderliegen, ist ein Gemeinplatz. Unter die Haut dringt der zweite Schriftzug: „Seit Juli 1942, fast 2 Jahre lang, immer wieder das gleiche Bild: TRANSPORT.“

Was Bilder transportieren, ist eine wesentliche Fragestellung von Farockis Erkundungen. Primäres Medium ist ihm dafür der Film. Dabei komme ihm die „reine Sukzession“, wie er sagt, die klassische Montage, die eine Einstellung auf die andere folgen lässt, „zunehmend armselig“ vor. Als Gruß zu seinem 65. Geburtstag im September 2009 widmet der Kultursender 3sat dem im mährischen Novy Jicin geborenen Filmemacher eine achtteilige Sendereihe. Die Bilder, so Farockis Anliegen, das er 2005 auf einer Tagung in der Akademie der Künste formulierte, „sollen gegen sich selbst aussagen“.

„Der Aufschub“, 3sat, 23 Uhr 50

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