Fernsehen : Turbo-Stress und Klassen-Kämpfe

Drei Abende "Schule im Fokus": Das ZDF widmet sich Alltag von Schülern und Lehrern, lässt sich dafür aber nicht genug Zeit.

Caroline Fetscher

Müde, fast resigniert klingen die Stimmen der Gymnasiasten, die hier Auskunft geben über ihre Fron. Um sechs aus dem Bett, dann sieben, acht oder sogar neun Stunden Schule, danach Hausaufgaben, am Wochenende Nachhilfe: „Da schmeiß’ ich dann manchmal meinen Stift hin“, gibt der 14-jährige Nicolai tonlos zu Protokoll. Tina Radke-Gerlachs Fernsehreportage „Schwere Last auf schmalen Schultern“ will die Folgen einer Schulreform beschreiben, die „G8“ genannt wird und das „Turbo-Abitur“ brachte, wobei der Stoff von vorher neun Jahren nun innerhalb von acht Jahren in die Köpfe gepresst wird. So sollen die Abiturienten früher auf die Hochschulen und schneller auf den Arbeitsmarkt gelangen – dieselben Jahrgänge erwartet übrigens auch ein späteres Rentenalter. Spiel, Sport, Musik, Freunde, dafür ist kaum Zeit.

Vom Ausflug der Reporterin ans Fuldaer Freiherr-vom-Stein-Gymnasium bleibt ein bedrückendes Bild, Sätze hallen nach, wie der der 13-jährigen, turbo-gestressten Jeanette, die nüchtern erklärt: „Ohne Medikamente geht’s manchmal gar nicht.“

Welten liegen zwischen ihrem Alltag und dem des vierzehnjährigen Richard an der „Jenaplanschule“ in Thüringen. Seit siebzehn Jahren arbeitet diese Schule nach dem Prinzip, dass Lernen selbstbestimmt sein sollte, kindgerecht, individuell, demokratisch, angstfrei – ein Traum für Richard, dem die Schule unter anderem darum Freude macht, „weil ich nicht merke, dass ich lerne.“ Mit einem Anflug von Erstaunen setzt er hinzu: „Aber am Ende weiß ich das alles!“ Jeweils drei Jahrgänge lernen hier miteinander, aus Biologie, Physik und Chemie machten die Lehrer das Fach „Natur“. Sitzenbleiben gibt es, wie an skandinavischen Schulen, gar nicht – und doch bewältigen sie hier das Abitur. 2006 erhielt die „Jenaplanschule“ den deutschen Schulpreis. Sie beweise, hieß es, „dass wirksame Reformen an der Basis beginnen“. Warum muss „G8“ dann überhaupt so organisiert sein, wie in Fulda und an tausenden anderen Schulen? Diese Frage beantwortet der Film in dreißig Turbo-Minuten nicht.

Mit ebenso wenig Zeit muss sich der zweite Teil begnügen, „Immer am Limit“, worin der Stress der Lehrer in den Fokus rückt. Katharina Gugel und Ulf Eberle drehten an Gesamtschulen in Duisburg und Bad Hersfeld. Rockrhythmen begleiten den von lärmenden Schülern und schimpfenden, überlasteten Lehrern handelnden Bericht. „Ich krieg’ langsam ein bisschen schlechte Laune!“ ruft die 35-jährige Lehrerin Charlotte Hornbostel in ihre Rabaukenklasse, und wirkt dabei enorm beherrscht. In den Ferien diagnostiziert ihr Arzt den Anfang eines Burnout-Syndroms. Wie ihr Kollege Jürgen Liefke muss sie nicht nur unterrichten, sondern auch Sozialarbeit leisten, gegen Mobbing einschreiten, Streits schlichten, das Jugendamt oder die Polizei einschalten.

Die Debatte zum Thema schiebt der Sender in den digitalen Dokukanal. Dabei würde man sich zu dem zentralen Thema geradezu ein wöchentliches Format wünschen. Caroline Fetscher

„Schwere Last auf schmalen Schultern“, heute, „Immer am Limit“, 7. Oktober, beides 22 Uhr 15 im ZDF. Die Debatte im digitalen ZDF-Dokukanal morgen um 19 Uhr 30 und am 7. Oktober im ZDF um 2 Uhr 15

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