Fernsehen : Vom Leben bei Anderen

Eine ZDF-Dokumentation schildert den Alltag in einer Pflegefamilie. Das Beeindruckende dieses Films ist sein warmherziger und doch sachlicher Stil.

Hans-Jörg Rother

Bevor Lars, 16, sein Praktikum bei einem Kunstschmied antritt, lässt er sich vom Friseur die Haartracht grasgrün färben. Zufrieden lächelt er nach der Prozedur in den Spiegel, Lars scheint überhaupt ein recht netter Junge zu sein, nur dass er seine Mutter schlug und darum vom Jugendamt zum vierten und letzten Mal bei einer Pflegefamilie eingewiesen wurde. Marianne Steigert, eine ebenso freundliche wie energische Frau Mitte 40, hat ihn ohne Vorurteil aufgenommen.

Sigrid Faltins bemerkenswerter Dokumentarfilm „Nestwärme auf Zeit“ macht deutlich, wie dringend Pflegefamilien gebraucht werden, um gefährdeten Kindern und Jugendlichen zumindest vorübergehend Ersatz für das gestörte Elternhaus zu geben. Lars’ alleinerziehende Mutter kommt mit dem Sohn nicht mehr zurecht. Vom geschiedenen Vater, einem Alkoholiker, will der Junge nichts wissen. Er selbst trinkt schon allzu sehr über den Durst.

Das Beeindruckende dieses Films ist sein warmherziger und doch sachlicher Stil. Die Kamera nimmt sich Zeit, Situationen zu beobachten. Die Autorin stellt selbst Fragen, ohne sich aufdringlich nach vorn zu schieben, auch dies überbrückt die Distanz zwischen ihr und den Leuten und bezieht den Zuschauer mit ein. Zwischen den Szenen in der Pflegefamilie, im Jugendamt und beim Kunstschmied, wo Lars viel Lobendes hört (ohne dass es für eine Lehrstelle reichte), sieht man Bilder von der Landschaft um Ettlingen, dem Wohnort der Steigerts.

Nach sechs Wochen muss Lars die Pflegefamilie wieder verlassen und lebt, nachdem er die Behandlung seines Alkoholproblems ablehnte, wieder bei der Mutter. Bei der Familie Steigert sind andere Kinder in Pflege – was auch ein wichtiger Hinzuverdienst für ihr schmuckes Reihenhaus und für ihre zwei Töchter eine soziale Erfahrung ist, vor allem aber ein mit Geld nicht aufzuwiegender Dienst. Lars ist ungern gegangen. Vielleicht ist bei ihm etwas hängen geblieben von einem ganz anderen Leben.Hans-Jörg Rother

„Nestwärme auf Zeit“, 22 Uhr 45, ARD

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